Full text : Unser Preußen.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  233

Auch  das  höhere  Schulwesen  erfuhr  sorgsame  Pflege;  die  Prüfungs—
ordnungen  wurden  verschärft  und  siebzig  neue  Gymnasien  sowie  Real—
und  Gewerbeschulen  errichtet.  Die  allzunahe  gelegenen  Universitäten
Halle  und  Wittenberg  wurden  1817  zu  einer  in  Halle  vereinigt  und  1818
für  die  Rheinprovinz  eine  eigene  Universität  in  Bonn  errichtet.  An  dem
Aufblühen  der  deutschen  Wissenschaft  waren  preußische  Gelehrte  in  hervor—
ragendem  Maße  beteiligt.  Unter  den  Philosophen  hatte  nach  Kants  und
Fichtes  Tode  Hegel  in  Berlin  einen  berühmten  Namen.  An  der  Erforschung
des  Altertums  arbeiteten  die  Berliner  Gelehrten  Böckh  und  Lachmann.
Bopp  begründete  die  vergleichende  Sprachwissenschaft,  die  nicht  nur
über  die  Verwandtschaft  der  Sprachen,  sondern  der  Völker  selber  und  über
deren  Lebensweise  neue  Aufschlüsse  gab.  Aus  der  langen  Reihe  der  berühmten
deutschen  Geschichtschreiber  ragen  hervor  die  Berliner  Gelehrten:  Fr.  v.  Raumer
(Geschichte  der  Hohenstaufen),  Duncker  (Geschichte  des  Altertums),  Curtius
(Griechische  Geschichte),  Mommsen  (Römische  Geschichte),  Giesebrecht  (Geschichte
der  deutschen  Kaiserzeit),  v.  Treitschke  (Deutsche  Geschichte  im  neunzehnten
Jahrhundert),  v.  Sybel  (Revolutionszeit  1789—1800,  die  Begründung  des
Deutschen  Reiches  durch  Wilhelm  I.)  und  vor  allem  Leop.  v.  Ranke  (Deutsche
Geschichte  im  Zeitalter  der  Reformation,  Wallenstein  u.  a.).  Die  Theologie
hatte  glänzende  Vertreter  in  Schleiermacher,  Neander  und  Hengstenberg.  Auf
dem  Gebiete  der  geographischen  und  naturwissenschaftlichen  Forschung
nahm  Alexander  v.  Humboldt  („Kosmos")  die  erste  Stelle  ein;  von  ihm  angeregt,
  schrieb  Karl  Ritter  seine,  die  geographische  Wissenschaft  umgestaltenden
Werke.  Die  bildenden  Künste  erfreuten  sich  vielfach  der  Unterstützung  des
sonst  so  sparsamen  Königs.  Er  ließ  durch  Schinkel  das  Schauspielhaus  und
das  Alte  Museum  in  Berlin  erbauen  und  schenkte  zur  ersten  Einrichtung
desselben  viele  Bildsäulen  und  Gemälde  aus  seinen  Schlössern.  Mit  des
Königs  Unterstützung  bildete  sich  der  Bildhauer  Rauch  aus,  der  unter  anderen
herrlichen  Werken  das  berühmte  Grabdenkmal  der  Königin  Luise  in  Charlottenburg
  schuf  (S  190).

Der  König  war  von  Jugend  auf  ein  frommer  Christ.  Sein  inniges
Gottvertrauen  war  durch  die  Tage  der  Trübsal  und  dann  der  herrlichen
Siege,  in  denen  er  die  Hand  Gottes  erkannte,  noch  gewachsen.  Auch  im
ganzen  Volke  war  durch  die  Befreiungskriege  an  die  Stelle  der  rationalistischen
Aufklärung  und  der  ihr  folgenden  Sittenverderbnis  ein  tief  religiöser,  sittlicher
Geist  getreten;  mit  Ernst  bereitete  es  sich  auf  das  dritte  Jubelfest  der  Reformation
  am  31.  Oktober  1817  vor.  Diesen  Tag  beschloß  der  König  durch
eine  Union  der  lutherischen  und  der  reformierten  Kirche  zu  einer  evangelischen
  Landeskirche  zu  verherrlichen  und  dadurch  zu  vollenden,  was
seine  Vorfahren  seit  zwei  Jahrhunderten  erstrebt  hatten.  Am  Reformationsfeste
  nahm  der  König  mit  seinem  Hause  und  zahlreichen  Mitgliedern  beider
Kirchen  in  der  Garnisonkirche  zu  Potsdam  das  heilige  Abendmahl;  ebenso
gingen  in  der  Nikolaikirche  in  Berlin  die  Geistlichen  beider  Konfessionen,  der
Magistrat,  die  Bürgervorsteher,  die  Mitglieder  der  Konsistorien  und  der
Universität,  Direktoren  und  Lehrer  der  Gymnasien,  viele  Staatsbeamte  gemeinsam
  zum  Tisch  des  Herrn.  Am  folgenden  Tage  legte  der  König  in