Full text : Unser Preußen.

236  Zweiter  Zeitraum.

Leitung  des  Gelehrtenschulweseus  und  der  Seminare  den  neugeschaffenen
Provinzialschulkollegien,  das  gesamte  niedere  Schulwesen  aber  den  Re—
gierungen  übertragen.

Über  vierzig  Jahre  teilte  Friedrich  Wilhelm  Freud'  und  Leid  mit  seinem
Volke.  In  schmucklosem,  bis  oben  zugeknöpftem  Infanterierock  und  der  Landwehrmütze,
  fast  immer  ohne  Begleitung,  bewegte  sich  der  König  unter  den
Spaziergängern,  jeden  Gruß  dankend  erwidernd.  Seit  dem  Tode  seiner  geliebten
  Gemahlin  mischte  sich  in  sein  sonst  so  heiteres  Wesen  ein  Zug  von
Wehmut,  und  gern  weilte  er  in  Paretz  und  auf  der  Pfaueninsel,  wo  er  mit
der  Verewigten  so  glückliche  Stunden  verlebt  hatte,  oder  er  lenkte  seine  Schritte
durch  die  düsteren  Baumgänge  nach  dem  Mausoleum  in  Charlottenburg.  Am
liebsten  war  er  unter  seinen  Kindern;  als  diese  sich  aber  vermählt  hatten
—  seine  älteste  Tochter,  Charlotte,  war  mit  dem  Kaiser  Nikolaus  I.  von  Rußland
verheiratet  —,  fühlte  er  sich  vereinsamt  und  beschloß,  durch  eine  zweite  Ehe
sein  häusliches  Glück  aufs  neue  zu  gründen.  Nach  vierzehnjähriger  Witwerzeit
  ließ  er  sich  die  zur  Fürstin  von  Liegnitz  erhobene  Gräfin  von  Harrach
zur  linken  Hand  antrauen,  und  sie  ist  ihm  eine  treue  Lebensgefährtin  geworden.


Die  meisten  jener  großen  Männer,  die  ihm  einst  so  treu  zur  Seite  gestanden
  hatten,  wie  Bülow,  Stein,  Hardenberg,  Kleist,  Bork  und  Gneisenau,
waren  ihm  im  Tode  bereits  vorangegangen.  Der  alte  Marschall  Vorwärts
  lebte  nach  dem  Kriege  während  des  Sommers  meistens  auf  seinem
Landgute  Krieblowitz  in  Schlesien.  Im  Spätsommer  1819  erfuhr  der  König,
daß  der  alte  Held  im  Sterben  liege;  da  eilte  er  noch  einmal  zu  ihm,  worüber
der  Sterbende  bis  zu  Thränen  gerührt  war.  Am  12.  September  entschlief  er
unter  dem  Donner  der  Geschütze,  der  von  dem  nahen  Manöbverfelde  herübertönte.
  —  Stein  hatte  noch  an  dem  Wiener  Kongreß  teilgenommen,  sich
dann  aber  vom  politischen  Leben  zurückgezogen.  Er  wohnte  meist  auf  seinem
Gute  Cappenberg  in  Westfalen.  Das  Studium  der  Geschichte,  das  er  trotz
der  Erblindung  des  einen  Auges  eifrig  fortsetzte,  erweckte  in  ihm  den  Wunsch,
eine  kritische  Sammlung  deutscher  Geschichtsquellen  zu  besitzen.  So  entstand
auf  seine  Anregung  die  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichte,  und  er
erlebte  noch  das  Erscheinen  der  ersten  Bände  der  Monumenta  Germaniae
historica.  1831  entschlief  er,  der  letzte  seines  Geschlechts;  er  hinterließ  nur
zwei  Töchter.  Friedrich  Wilhelm  konnte  noch  bis  zum  Anfange  des  Jahres
1840  in  seltener  Frische  seine  Herrscherpflichten  erfüllen,  dann  erkrankte  er.
Zum  letztenmal  warf  er  einen  Blick  aus  seinem  Fenster,  als  (am  1.  Juni)  der
Grundstein  zu  dem  Denkmal  Friedrichs  des  Großen  gelegt  wurde;  als
am  7.  Juni  die  königliche  Flagge  am  Fahnenmast  des  Schlosses  sich  senkte,
da  trauerten  nicht  nur  die  Berliner,  sondern  die  große  Mehrzahl  des  gesamten
  Volkes.  Seine  letzte  Ruhestätte  fand  der  Entschlafene  an  der  Seite
der  Königin  Luise  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg.

Friedrich  Wilhelm  III.  ist  zwar  der  erste  Hohenzollernkönig,  der  sein
Land  kleiner  hinterließ,  als  er  es  empfangen  hatte;  dennoch  war  seine  Regierung
  höchst  segensreich.  Er  hatte  die  weiten  polnischen  Gebiete  abgetreten
und  dafür  blühende  Provinzen  mit  kerndeutscher  Bevölkerung  erworben;  die