Was war in Paris zu befürchten? 49
wenn die Rationen ganz ausgiengen? War anzunehmen, daß dann
diese Bevölkerung in aller Andacht auf die schönen Proklamationen
der Regierung hören und auf die in Aussicht gestellten Vorräthe
warten werde? Oder nicht vielmehr, daß sie, von dem Instinkt
eines hungernden Thieres erfaßt, auf die Regierung, welche ja, wie
früher die Napoleonische, für alles verantwortlich war, losstürzen
und ihren blutdürstigen Götzen furchtbare Hekatomben schlachten
werde? Wenn eine Bevölkerung von 2 Millionen Menschen und
zwar Parisern vor Hunger aufschrie, so hörte man kein Kommandowort,
und die Stimme eines Trochu oder eines Favre war ohnmächtiger
als die eines Nationalgardisten von Belleville. Also mußte
die Regierung, wenn sie nicht die Fahne der Commune schon im
Januar aufgepflanzt sehen wollte, darauf bedacht sein, die Lebensmittelfrage
bei Zeiten zu lösen. Dies war aber keine andere Frage
als die der Kapitulation. Sie konnte diesen Schritt um so eher
thun, da nun Paris volle 4 Monate die Belagerung ausgehalten,
nach allen Seiten große und kleine Ausfälle versucht und aus der
Provinz keinen Entsatz mehr zu erwarten hatte. Daß die Konseqguenzen
von Le Mans und von St. QOuentin in der Vernichtung
der Loirearmee und der Nordarmee bestanden, wußte man in Paris;
das Schicksal der Bourbakischen Ostarmee, welche ebendamals sich
anschickte, ihre geringen geographischen Kenntnisse von der Schweiz
an Ort und Stelle zu berichtigen, kannte man in Paris noch nicht,
konnte es aber aus den analogen Fällen bei einigem Scharffinn errathen.
Somit war der Entschluß unerbittlich aufgedrängt und der
Parlamentär vom 23. Januar in der üblen Lage, jede Bedingung von
dem Sieger annehmen zu müssen.
Müller, 1871.