346 Dritter Zeitraum.
durchgeführte Steuerreform gewährt worden. Preußen erhebt an indirekten
Steuern nur die Stempel= und die Lotteriesteuer, an direkten die Einkommenund
die Ergänzungssteuer, während die Grund-, Gebäude= und Betriebssteuer
den Gemeinden überlassen ist. Die Einkommensteuer wird von dem reinen
Einkommen gezahlt, doch sind die Einkommen bis 900 Mark steuerfrei. Die
Steuer beträgt % —4 Prozent (von 900 Mark 6 Mark, von 100000 Mark
aber 4000 Mark). Wer über 6000 Mark Vermögen besitzt, muß von jedem
Tausend 0,50 Mark Ergänzungssteuer zahlen. .
Im Jahre 1895 wurde das neue Reichsgerichtsgebäude in Leipzig
durch den Kaiser seiner Bestimmung übergeben und das deutsche Bürger—
liche Gesetzbuch vollendet, das im folgenden Jahre die Genehmigung des
Bundesrats und des Reichstages erhielt und am 1. Januar 1900 in Kraft
getreten ist; seit diesem Tage hatte das deutsche Volk zum erstenmal ein einheitliches
Recht. .
Auch für Schule, Wissenschaft, Kunst und Kirche ist unter der Regierung
Wilhelms II. viel geschehen. Seit 1896 wird der Unterricht in den öffentlichen
Volksschulen unentgeltlich erteilt. Den Lehrerseminaren verlieh der
König das Recht, ihren abgehenden Zöglingen das Reifezengnis für den Einjährig
= Freiwilligendienst auszustellen, und der Lehrerbildung wurden weit
höhere Ziele gesteckt. Den Volksschullehrern wurde 1897 ein festes Einkommen
gewährt, das seitdem vielfach erhöht worden ist, und 1899 wurde
auch die Fürsorge für die Lehrerwitwen und -Waisen gesetzlich geregelt.
1906 endlich wurde das Gesetz über die Volksschulunterhaltung und die Lehrerberufung
erlassen. Gestützt auf eigene Erfahrungen beschloß der Kaiser, den
Unterricht der höheren Schulen umzugestalten. Größere Berücksichtigung der
Charakterbildung, der Gesundheit und der körperlichen Entwicklung der
Schüler, kräftigere Betonung des deutschen Unterrichts sowie der deutschen,
namentlich der neuen und neuesten Geschichte, das etwa waren die Wünsche,
die der Kaiser einer 1890 berufenen Konferenz von Vertrauensmännern aus
den verschiedensten Volkskreisen vorlegte. Die Vorschläge wurden von der
Konferenz gebilligt und kamen in den neuen Lehrplänen den höheren Schulen
zugute. Die hohe Bedeutung der fürs praktische Leben so wichtigen Unterrichtsfächer,
wie Mathematik, Naturwissenschaft, Technik und lebende Sprachen,
hat der Kaiser dadurch anerkannt, daß er die technischen Hochschulen den
Universitäten, die Oberrealschulen den Gymnasien gleichgestellt hat. Sein
Verdienst ist es auch, daß die Jugend jetzt auf körperliche Übungen, auf
Turnen, Rudern und Bewegungsspiele im Freien, weit größeres Gewicht legt
als früher.
Zur Pflege der Wissenschaften hat der Kaiser die Ausgrabungen in
Troas und bei Magnesia in Kleinasien, ferner die Erforschung der ägyptischen
und der römischen Geschichte sowie den Wiederaufbau des in dem römischen
Grenzwall (limes) bei Homburg liegenden Römerkastells, der Saalburg, durch
Beiträge gefördert. Die Kunst hat in Kaiser Wilhelm einen begeisterten
Verehrer und einen freigebigen Förderer. In hochherziger Weise hat er eine
ganze Straße — die Siegesallee im Tiergarten — mit 32 Marmorbildern
der Landesherren von Albrecht dem Bären bis zu Kaiser Wilhelm dem Großen