Full text : Unser Preußen.

36  Erster  Zeitraum.

von  Polen  ermutigt,  bei  Danzig,  dann  im  Samland,  wo  man  ihn  freundlich
aufnahm;  als  er  sich  aber  gegen  die  Götter  der  Preußen  wandte,  ward  er
verjagt.  Auf  der  Rückfahrt  zur  Weichselmündung  stieg  er  noch  einmal  ans
Land  und  kam  ohne  sein  Wissen  in  einen  heiligen  Hain;  sofort  stürzten  die
Eingeborenen  herbei,  und  als  er  ihrer  Aufforderung,  den  heiligen  Ort  zu
verlassen,  nicht  folgte,  stürmten  sie  auf  ihn  ein  und  durchbohrten  ihn.  Der
König  von  Polen  löste  die  Leiche  aus  und  bereitete  ihr  in  Gnesen  die  letzte
Ruhestätte.  Wenige  Jahre  später  nahm  ein  sächsischer  Edelmann,  der  vom
Papst  zum  Erzbischof  unter  den  östlichen  Heiden  geweihte  Brun  von  Querfurt,
  das  Werk  Adalberts  wieder  auf;  aber  auch  er  wurde  samt  seinen  Begleitern
  von  den  Preußen  erschlagen  (1009).  Zweihundert  Jahre  später
(1209)  versuchte  der  Mönch  Christian  aus  dem  Kloster  Oliva  bei  Danzig
das  Bekehrungswerk  von  neuem  und  gewann  in  kurzer  Zeit  einc  beträchtliche
Zahl  heidnischer  Preußen  für  das  Christentum,  so  daß  der  Papst  ihn  schon
zum  Bischof  von  Preußen  ernannte;  sowie  aber  die  Preußen  merkten,  daß
ihnen  mit  der  neuen  Lehre  auch  die  Herrschaft  der  Polen  gebracht  werde,
überfielen  sie  die  Getauften  und  die  christlichen  Sendboten,  von  denen  nur
wenige  mit  dem  Leben  davonkamen.  Damit  noch  nicht  zufrieden,  verheerten
sie  auch  noch  das  schon  halb  bekehrte  Kulmer  Land  und  das  polnische  Masovien,
wo  über  300  Kirchen  und  Kapellen  in  Asche  sanken.  Da  bot  Christian  mit  des
Papstes  Unterstützung  einen  Kreuzzug  der  Nachbarvölker  gegen  die  Preußen
auf;  als  die  Kreuzfahrer  aber  wieder  abzogen,  ging  das  Gewonnene  bald  wieder
verloren.  Die  Preußen  fielen  racheschnaubend  in  Pommern  ein,  verbrannten
das  Kloster  Oliva  und  verheerten  Masovien  noch  ärger  als  das  erste  Mal.
Ein  von  dem  Herzog  von  Masovien  gegen  sie  gestifteter  Ritterorden  hatte
ebensowenig  Erfolg:  in  mörderischem  Kampfe  fielen  alle  Ritter  bis  auf  fünf.

Da  wandten  sich  Herzog  Konrad  von  Masovien  und  Bischof  Christian
mit  der  Bitte  um  Hilfe  an  Hermann  von  Salza,  den  Hochmeister  des
Deutschen  Ordens.  Dieser  Orden  war  1190  auf  dem  dritten  Kreuzzuge
zur  Pflege  deutscher  Verwundeter  gestiftet  und  einige  Jahre  später  nach  dem
Vorbilde  des  Johanniter=  und  des  Templerordens  als  Ritterorden  eingerichtet
worden.  Die  Mitglieder  zerfielen  in  Ritter,  Geistliche  und  dienende  Brüder;
sie  nahmen  die  Mönchsgelübde  der  Armut,  der  Ehelosigkeit  und  des  strengsten
Gehorsams  gegen  die  Vorgesetzten  auf  sich,  die  Ritter  verpflichteten  sich  außerdem
  zur  Beschützung  der  Pilger  und  zur  Bekämpfung  der  Ungläubigen.  An
der  Spitze  des  Ordens  stand  der  Großmeister.  Weil  der  Ordensmeister
Hermann  von  Salza  Kaiser  Friedrich  II.  auf  seinem  Kreuzzuge  unterstützt
hatte,  wurde  er  in  den  Stand  der  deutschen  Reichsfürsten  erhoben  und  nannte
sich  seitdem  Hochmeister.  Er  nahm  den  Ruf  nach  Preußen  an  und  eröffnete
dadurch  seinem  Orden  statt  des  aussichtslosen  Kampfes  um  das  heilige  Land
eine  erfolgreiche  Aufgabe.  Das  Kulmer  und  Löbauer  Land  wurde  dem
Orden  zur  ersten  Niederlassung  angeboten,  Kaiser  und  Papst  aber  versprachen
ihm  alles  Land,  das  er  erobern  werde.  Die  erste  kleine  Kriegerschar  führte
der  Landmeister  Hermann  Balk  (1230)  nach  Preußen;  es  waren  ihrer  nur
wenige,  und  niemals  sind  mehr  denn  150  Ordensritter  gleichzeitig  ins  Feld
gezogen;  aber  sie  waren  auch  nur  die  Feldherren,  ihnen  folgte  ein  ganzes