Contents : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

48  3.  Der  „tolle“  Landjunker

er  nicht  sicher  war,  daß  alle  Neigung  in  ihm  erstorben  war,
so  fürchtete  er  doch,  daß  die  jahrelang  wiedergekäuten  Empfindungen
  einer  leichtfertigen  Mißhandlung  seines  innersten  und
wahrsten  Gefühls,  der  Verrat  seines  Zutrauens,  die  Kränkung
seines  Stolzes  einen  Rückstand  von  Bitterkeit  in  ihm  zurückgelassen
  hätten,  den  er  nicht  hinreichend  unterdrücken  zu  können
glaubte,  um  seiner  ehemals  Geliebten  eine  so  glückliche  Zukunft
  zu  sichern,  wie  er  sie  seiner  Frau  wünschte.  Es  war  ihm
beim  besten  Willen  zu  schwer,  eine  wirklich  empfundene  Beleidigung
  halbwegs  zu  vergessen.  —  So  schildert  er  sich  selber
seinem  alten  hannoverschen  Freunde.  Für  besser,  als  er  war,
hat  er  sich  niemals  ausgegeben;  es  lag  das  Gegenteil  in
seiner  Art.

Die  geschäftige  Fama,  die  gern  Ausnahmen  zur  Regel  macht
und  aus  kleinem  Beginn  anwächst  zu  allerhand  Mären,  hat
ihn  in  diesen  Jahren  den  „tollen  Bismarck“  genannt,  ob  mit
Recht,  das  steht  nach  den  Eigenschilderungen  dahin.  Diese  sogenannten
  „tollen“  Jahre  waren  doch  eher  dunkle  Zeiten,  waren
der  Ausbruch  eines  Geistes,  der  seinen  Tatendrang  ermüden
wollte  und  der  sich  ohne  ernsten  Pflichtenkreis  unbefriedigt  fühlte.
Tatsache  ist,  daß  er  ein  wilder  Reiter  war,  daß  er  oft  gestürzt
ist,  auch  im  nächtlichen  Walde,  aber  mit  Glück;  waghalsig
tummelte  er  sich  auch  in  Booten,  als  er  in  Norderney  war.  Seine
Gäste  weckte  er  morgens  auch  wohl  aus  dem  Schlaf  zu  der  von
ihnen  gewünschten  Stunde  mit  Pistolen,  daß  die  Kugeln  den
Kalk  von  der  Decke  niederregnen  ließen.  Auch  zu  Ehrenhändeln
sollen  diese  Waffen  ihm  gedient  haben.  Hatte  er  Besuch,  so
wurde  kräftig  gezecht;  Sekt  und  Porter  spielte  bei  Gelagen  eine
große  Rolle.  So  trieb  er  vieles,  wozu  seine  überschüssige  Kraft
ihn  verführte.  Doch  hohes  Spiel  und  niedere  Liebesgeschichten
gehörten  nicht  zu  seinen  Ausschreitungen.  Gegen  Damen  —  und
das  ist  ein  guter  Prüfstein  vornehmen  Charakters  —  blieb  er
immer  der  vollendete  Gentleman.  Daß  das  Gerücht  so  schonungslos
  mit  ihm  umging,  war  eine  Art  Wiedervergeltungj  er  selbst
schonte  mit  sarkastischem  Witz  und  unumschränkter  Sicherheit  niemanden,
  auch  sich  selber  nicht.