1. Die Neugründung des Staates durch den Großen Kurfürsten. 53
Vorpommerns hätte der Kurfürst erhalten, was er so sehnlichst wünschte: den
Weg ins Meer, während er jetzt nur den unbedeutenden Hafen von Kolberg
bekam. Von größerem Erfolge waren des Kurfürsten Bemühungen für seine
Glaubensgenossen, die Reformierten, denen man nicht die gleiche Religionsfreiheit
gewähren wollte wie den Lutheranern, die aber durch den Einfluß
Friedrich Wilhelms mit diesen gleiches Recht erhielten. Allein es fehlte noch
viel, daß der Kurfürst das ihm zugesprochene Gebiet hätte in ungestörten
Besitz nehmen können. Magdeburg sollte ihm erst nach dem Tode des damaligen
Bistumsverwesers zufallen, der erst 1680 starb; aber selbst Hinterpommern
hielten die Schweden zunächst als Pfand für die ihnen zu zahlende
Kriegsentschädigung, dann unter dem Vorwande besetzt, die Grenze müsse erst
genau bestimmt werden. Als sie sich hierzu endlich herbeiließen, behielten
sie auf dem rechten Oderufer noch einen bedeutenden Landstrich mit den
Städten Gollnow, Kammin und Greifenhagen und räumten dann (1653) das
übrige Land. » .
Brandenburg war jetzt nächst Osterreich der mächtigste Staat Deutschlands
mit einer ganz evangelischen Bevölkerung; aber seine Provinzen lagen
weit zerstreut, ohne Zusammenhang und waren verschieden in Sitte und Verfassung.
Friedrich Wilhelms Verdienst ist es, sie zu einem Staate verschmolzen
zu haben. Der Westfälische Friede erleichterte dies; denn da er
den einzelnen Landesfürsten volle Landeshoheit und selbst das Recht verlieh,
untereinander und mit fremden Fürsten Bündnisse zu schließen, so konnte auch
Friedrich Wilhelm sich jetzt freier bewegen. Während Osterreich nach dem
Verlust seiner Länder am Oberrhein auf den Osten verwiesen war, hatte
Brandenburg, das bis 1609 ganz auf den Nordosten Deutschlands beschränkt
war, jetzt auch in West= und in Mitteldeutschland wertvolle Gebiete, so daß
seine Interessen mit denen von ganz Deutschland innig verwachsen waren,
und wurde dadurch auf seinen Beruf hingewiesen, ein fester Halt zu werden,
an dem das übrige Deutschland sich wieder sammeln und erheben konnte.
2. Des Nurfürsten landesväkerliche Fürfsorge.
Als Friedrich Wilhelm (1643) zum erstenmal als Kurfürst in die Mark
kam, fand er sie in einem. noch traurigeren Zustande, als er geglaubt hatte.
Schon unterwegs waren ihm Auswanderer entgegengekommen, die ihre Heimat
vor Hunger und Elend verlassen hatten. Von Preußen aus hatte er bereits
einsichtsvolle Männer in die Mark gesandt, die ihm von dem Zustande derselben
Bericht erstatten sollten; jetzt sah er das Elend mit eigenen Augen.
Seine nächste Sorge wandte er dem Landbau zu. Er brachte gleich
mehrere hundert Fuder Getreide zur Aussaat mit und lud Fremde zur Einwanderung
nach Brandenburg ein. Denjenigen, welche sich auf den Domänen
niederließen, gewährte er zu den verlassenen Hufen und Häusern auf sechs
Jahre Befreiung von der Pacht und allen öffentlichen Lasten; Tausende,
namentlich Evangelische, welche in ihrer Heimat der Glaubensfreiheit entbehrten,
machten von diesem Anerbieten Gebrauch. Schwerer war den einheimischen
Bauern zu helfen, denen es an Saatkorn und Geräten zur Bestellung des
Ackers sehlte; denn der Kurfürst mußte, um seinen Hofhalt standesgemäß führen