Haltung der süddeutschen Regierungen. 49
stellen; die Berichte des preußischen Gesandten in Stuttgart vom 11. März,
die am 15. in Berlin eintrafent, enthalten keine genaueren Angaben, sondern
melden nur, daß man zunächst eine Verständigung mit Preußen erreichen
und sich erst später, wenn es überhaupt geschähe, nach Wien wenden wolle.
Am folgenden Tage konnte er hinzufügen, daß der König von Württemberg
eingewilligt habe, einen Vertreter zu den Dresdener Konferenzen zu entsenden.
Vermutlich war der zur Unterstützung der Gagernschen Gesandtschaft
an den übrigen Höfen bestimmte Bevollmächtigte auch zur Teilnahme an
dieser Versammlung ausersehen. Auch ein Beglaubigungsschreiben des
Nassauer Herzogs für Gagern an Friedrich Wilhelm 1V., welches das von
seinem Gesandten darzulegende Programm als letzten Rettungsanker für
Deutschland pries, enthielt über dessen Inhalt nichts.3
Immerhin wird man in Berlin von dem Wunsche der sädwestdeutschen
Regierungen, mit Preußen engere Fühlung zu suchen, auf irgendeinem Wege
wenigstens eine unbestimmte Kunde erhalten haben; wenn Canitz am 16. März
an Radowitz schreibt, in Süddeutschland erkenne man, daß ein Sonderbund
nur zur Anarchie führen könne, und beginne einzulenken“, so läßt dies vermuten,
daß man mehr von jenen Bestrebungen wußte, als in den Berichten
Thuns stand. Aber lag darin ein Grund, eine ganz neue Richtung einzuschlagen?
Mußte nicht vielmehr das Einlenken dieser anfangs dem Kongreß
ungünstig gesinnten Regierungen die Leiter der preußischen Politik in dem
Glauben bestärken, daß sie auf dem rechten Wege seien, und daß die anderen
enddlich anfingen, dies zu begreifen?5 An sich konnten also die Nachrichten aus
dem Südwesten kaum zu neuen Plänen Anlaß geben; aber ihr Eintreffen in
dem Augenblicke, wo man die Nachricht von der Wiener Revolution erhielt,
gab ihnen allerdings eine weitergehende Bedeutung.
Man konnte in Berlin nicht zweifeln, daß die süddentschen Regierungen
die sofortige Berufung eines deutschen Parlamentes und den Ubergang aller
Einzelskaaten zum konstitutionellen System für notwendig hielten und diese
1 Rachfahl 6, 385 u. 509.
: Nach der Annahme des württembergischen Programms gaben die übrigen säd= und
westdeutschen Regierungen ihren früheren Widerspruch gegen den Kongreß für kurze Feit
auf, da sie sich von Preußen nicht gleich anfangs trennen durften, wenn sie dessen Schutz für
den Augenblick und seine Hegemonie für die Dauer wollten.
* S. d. Schreiben v. 13. März bei Pastor 462. Es ist bezeichnend, daß und in welcher
Art sich der Herzog für seinen Anschluß an Preußen bei Österreich zu entschuldigen für nötig
hielt; vgl. seine Briefe an Erzhz. Albrecht und Erzhzgn. Sophie von demselben Tage a. a. O.
Der Kernpunkt ist, daß man von Österreich keine Anerkennung einer konstitutionellen Verfassung
glaubte erwarten zu dürfen; sollte auch Preußen sich dessen weigern, so werde sich
ein südwestdeutscher Sonderbund unter Württembergs Hegemonie bilden.
* Kachfahl 7, 2co.
* Vgl. Canitz an Dönhoff (zweiter Erlaß) 16. März, Rachfahl 7, 204f.
Brandenburg, UAntersuchungen. 4