Volltext : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

162  Der  Bezichungston.

schied  zwischen  Schwefelsäure  und  schwefliger  Säure“.  Die
Betonung  hebt  hier  den  Unterschied  wegen  der  Ahnlichkeit  beider
Wörter  heraus  und  ist  eigentlich  mehr  ein  Aufmerksammachen
des  Hörers  auf  diesen  Unterschied.  Bei  zusammengesetzten  Wörtern
muß  zwei  Wörtern  ein  Zusammensetzungswort  gemeinsam  sein.
Z.  B.  „Erziehen  ist  schwer,  ver  ziehen  ist  leicht.  Wenn  du
dich  unglücklich  nennst,  kann  man  dich  auch  wohl  undankbar
nennen.  Zusammenschweißen  hilft  nichts,  man  muß  es  zusammennieten“.
  Diese  Beispiele  zeigen  zugleich,  wie  nur  auf  einen
zweiten  entgegengestellten  Begriff  ein  Accent  füällt.

Die  in  diesem  §  besprochenen  Fälle  des  Beziehungstones
durch  den  Gegensatz  kommen  sehr  häufig  vor  und  sind  am
leichtesten  zu  erkennen.

§  61.  Untersucht  man  wie  sich  diese  Beziehungen  bei
verneinenden  Sätzen  verhalten,  so  wird  das  Wesen  des  Beziehungstons
  recht  klar  werden.

Das  am  häufigsten  vorkommende  Verneinungswort  ist  das
Adverbium  „nicht".

Es  verneint  entweder  den  ganzen  Satz  oder  nur  einen
Teil  desselben.

Verneint  das  Adverbium  einen  ganzen  Satz,  so  gehort  es
zur  Kopula  und  steht  unter  dem  Grundtone.  „Karl  ist  nicht
Peiund  ;  Fritz  ist  nicht  der  Thäter;  Heinrich  ist  nicht  gekommen.“

aß  es  zur  Kopula  gerechnet  werden  muß,  geht  aus  der  Betonung
  hervor,  wenn  der  Satz  in  Beziehung  auf  die  Voraussetzung
  des  Gegenteils  oder  einen  Widerspruch  stark  verneint
werden  soll.  Der  Accent  fällt  dann  auf  das  Verneinungswort.
„Karl  ist  nicht  gesund;  Fritz  ist  nicht  der  Thäter;  Heinrich
ist  nicht  gekommen.“  Man  kann  statt  dessen  auch  die  Kopula
selbst  betonen.  „Karl  ist  nicht  der  Thäter“  2c.  Gewöhnlich
aber  fällt  der  Accent  auf  das  Adverbium  „nicht“.  Der  Accent
auf  der  Kopula  bezeichnet  einen  sehr  heftigen  oder  starken
Widerspruch.

Wenn  bei  affirmativen  Sätzen  der  Zweifel,  auf  den  eine
starke  Betonung  der  Kopula  hinwies,  eine  Negation  enthielt,  so
enthält  umgekehrt  bei  Verneinungssätzen  die  verneinte  Voraussetzung,
  der  Widerspruch  eine  Bejahung,  eine  bejahende  Behauptung.
  Obige  Betonungen  würden  sich  demnach  auf  die  Behauptungen
  beziehen:  „Karl  sei  gesund,  Fritz  sei  der  Thäter“  2c.

Das  Verneinungswort  kann  aber  auch  zu  jedem  einzelnen
Teile  eines  Satzes  für  sich  gehören.  Dann  ist  nicht  eine  allge-