Im Reichstage (1870 bis 1874) 93
nisse, welche sich in der katholischen Kirche zugetragen haben, aus der
Kirche austreten wollte, so hätte ich schon bei dem Studium der Kirchen-
geschichte austreten müssen. Ich meine, die Kirche hat schon Schlimmeres
überstanden und wird auch den gegenwärtigen Zustand siegreich überdauern.
Du sprichst von Schritten, die ich gegen das Konzil getan habe. Davon
ist mir nichts bekannt. Wohl aber weiß ich, daß meine ultramontanen
Gegner in ihrer gewöhnlichen Art diese Redeweise erfunden haben, um
mich zu verdächtigen. Ich mache Dir daraus keinen Vorwurf, wenn Du
durch das allgemeine Geschrei irregeführt worden bist. Die Wahrheit ist
aber, daß ich nichts weiter getan habe, als eine Zirkulardepesche an unfre
Gesandtschaften zu richten, in welcher ich den europäischen Regierungen
riet, sich über die Haltung zu verständigen, die sie in bezug auf das Konzil
(welches noch nicht beisammen war) einnehmen wollten. Hätten die Re-
gierungen meinen Rat befolgt und vor dem Konzil eine Konferenz zu-
sammentreten lassen und, wie das bei früheren Konzilien der Fall war,
Gesandte zum Konzil geschickt, so würden allerdings die Pläne der Jesuiten
durchkreuzt worden sein, die Kirche selbst aber hätte offenbar keinen
Schaden gelitten. Daß die Regierungen es nicht getan haben, war nicht
meine Schuld. Napoleon fürchtete den Einfluß der Jesuiten beim bevor-
stehenden Plebiszit und Beust denselben Einfluß bei seinem Monarchen.
So fehlten die zwei größten katholischen Staaten, und damit mußte mein
Projekt fallen. Wenn ein kleines Entrefilet Deines Briefes die Deutung
zuläßt, Du könntest mich für einen Freimaurer halten, so bemerke ich vor-
sorglich, daß ich nicht Freimaurer bin. Ich teile Deine Ansicht, daß, wenn
die Massen in ihrem Glauben wankend werden, sie dem Unglauben
verfallen und zu Mord und Totschlag kommen. Nur bestreite ich, daß
die Jesuiten dazu gemacht sind, im deutschen Volke den Glauben zu
erhalten.
Ich gebe zu, daß wir manchen Gefahren entgegengehen; wenn ich
aber ebensowenig wie Du die Erbschaft Bismarcks antreten und sein Nach-
folger werden möchte, so liegt das daran, daß mein Ehrgeiz nicht so weit
geht und ich mich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühle. Wenn es aber
etwas gäbe, was mich veranlassen könnte zu wünschen, Bismarcks Nach-
folger zu werden, so wäre es die Freude, die ich empfinden würde, den
von ihm begonnenen Kampf zu Ende zu führen.
Journal.
Berlin, 19. März 1873.
Seit dem 11. d. M. zum Reichstage hier. Audienzen, Visiten, Hof-
diners und Soireen. Der persische Gesandte und die japanische Gesandt-
schaft nahmen an verschiedenen Hoffestlichkeiten teil, beide in europäischem