Full text : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Erster Band. (1)

366  Träger  und  Organe  der  Staatsgewalt.  (8.  32.)

Kommissionen  zur  Untersuchung  von  Thatsachen  zu  ernennen  mit  dem  Rechte,  unter  Mitwirkung
  richterlicher  Beamten  eidliche  Zeugenvernehmungen  vorzunehmen  und  die  Behörden
zur  Assistenz  zu  requirieren.?  In  den  Motiven  hierzu  wurde  ausdrücklich  bemerkt,  «daß
es  für  nötig  erachtet  worden  sei,  die  Requisition  der  Behörden  nur  durch  Vermittelung
des  Staatsministeriums  eintreten  zu  lassen?.  In  die  octroyierte  Verfassungsurkunde
(Art.  81)  wurde  hiernächst  wörtlich  diejenige  Bestimmung  aufgenommen,  welche  jetzt  den
Art.  82  der  Verfassungsurkunde  v.  31.  Jan.  1850  bildet.  Bei  der  Revision  wurde
dann  in  der  Kommission  der  Zweiten  Kammer  ausdrücklich  die  Frage  aufgeworfen,  «ob
der  Art.  81  (jetzt  Art.  82)  auch  den  Kommissionen  der  Kammern  die  Befugnis  verleihe,
Zeugen  und  Sachverständige  zu  vernehmen,  eine  Befugnis,  auf  welche  der  größte  Wert
zu  legen  sei,  da  eben  auf  diesem  Wege  der  gründlichen  Untersuchung  gewerblicher  Zustände
und  anderer  Landesverhältnisse  die  Kammern  eine  sehr  heilsame  Wirkung  ausüben
könnten?,  und  die  Kommission  erklärte  sich  einstimmig  dahin,  «daß  der  Artikel  unzweifelhaft
die  hier  in  Anspruch  genommene  Befugnis  gewähre,  weshalb  denn  auch  auf  einen
Abänderungsvorschlag  verzichtet  wurde.)  Das  Plenum  der  Zweiten  Kammer  trat  dem
ohne  Diskussion  und  ohne  daß  von  seiten  der  Staatsregierung  widersprochen  wurde,  bei.'
In  der  Ersten  Kammer,  welche  gleichfalls  die  Beibehaltung  des  Artikels  beschloß,  obgleich
der  Centralausschuß  derselben  sich  für  die  Streichung  ausgesprochen  und  insbesondere
hervorgehoben  hatte,  daß  der  Artikel  die  Gefahr  von  Übergriffen  der  Kammern  in  das
Gebiet  der  Staatsverwaltung  und  ausübenden  Gewalt  einschließe,  wurde  mit  Erfolg
geltend  gemacht,  daß  die  Kammern  zur  vollständigen  Erhaltung  ihrer  Rechte  und  zur
Ausubung  ihrer  Pflichten  das  Untersuchungsrecht  nicht  entbehren  könnten  und  daß  sie
nicht  lediglich  auf  die  Mitteilungen  der  Staatsregierung  angewiesen  bleiben
dürften,  welche  möglicherweise  in  einer  Sache  auch  Partei  sein  könne.“  Es  ergiebt  sich
hieraus,  daß  bei  der  Beratung  des  Artikels  die  Absicht  keineswegs  dahin  gegangen  ist,
die  einzusetzenden  Untersuchungskommissionen  bloß  auf  den  unmittelbaren  Verkehr  mit
dem  Staatsministerium  zu  verweisen,  sondern  daß  es  auch  bei  der  Revision  der  Verfassungsurkunde
  als  selbstverständlich  erachtet  worden  ist,  daß  der  Art.  82  auch  in  seiner
jetzigen  Fassung,  und  ohne  daß  es  der  Aufnahme  eines  hierauf  bezüglichen  Zusatzes  zu
demselben  bedürfe,  den  auf  Grund  desselben  ernannten  Kommissionen  die  Befugnis  verleihe,
  Zeugen  und  Sachverständige  zu  vernehmen,  und  sie  nicht  lediglich  auf  die  Kommunikation
  mit  dem  Staatsministerium  zu  beschränken.  Die  im  Art.  82  gedachten  Kommissionen
  sind  eben  vermöge  ihrer  verfassungsmäßigen  Statthaftigkeit  für  selbständige  in
den  staatlichen  Organismus  eingereihte  Instanzen  zu  erachten,  welche  als  solche  jedem
andern  Organe  öffentlicher  Thätigkeit  gleichgestellt  sind.  Wenn  gar  nicht  bezweifelt
werden  kann,  daß  sie  das  Recht  besitzen,  selbst  Zeugen  und  Sachverständige  abzuhören,
also  unmittelbar  nach  außen  hin  gerichtete  Funktionen  selbst  auszuüben,  so  kann  auch
nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  daß  in  dieser  Befugnis  auch  das  mindere  Recht  enthalten
ist,  die  Mitwirkung  anderer  neben  ihnen  bestehender  staatlicher  und  dazu  an  sich  kompetenter
Organe  bei  der  Erfüllung  der  ihnen  verfassungsmäßig  übertragenen  Obliegenheiten  unmittelbar
  in  Anspruch  zu  nehmen,  und  daß  diese  Organe  sich  verfassungsmäßig  der  Verpflichtung
  nicht  entziehen  dürfen,  den  an  sie  von  der  dazu  kompetenten  Untersuchungskommission
  ergehenden  Aufforderungen  zu  genügen.  Allerdings  steht  nach  Art.  45  der
Verfassungsurkunde  dem  König  allein  die  ausübende  Gewalt  zu,  und  hieraus  würde  an
sich  folgen,  daß,  wenn  eines  der  beiden  Häuser  des  Landtages  beschließt,  zu  seiner  Information
  etwas  untersuchen  zu  lassen,  diese  Untersuchung  durch  die  Organe  der  ausübenden
Gewalt  zu  bewirken  sei.  Dies  ist  auch  unzweifelhaft  die  Regel,  und  auf  dieser  Regel
beruht  der  Art.  81  der  Verfassungsurkunde.  Allein  dieser  Grundsatz  findet  gerade  in
dem  Art.  82  eine  Ausnahme.  Nach  diesem  Artikel  darf  zwar  das  Haus  selbst  sich
nicht  mit  der  Untersuchung  von  Thatsachen  befassen,  dagegen  ist  ihm  die  Befugnis  beigelegt,
  solche  Untersuchungen  zu  seiner  Information  einer  Kommission  zu  über-!1

  Vgll.  Rauers  Verbandl.  der  Verf.  Komm.  2  Vgl.  a.  a.  O.,  S.  910.
der  Nat.  Vers.,  S.  78,  106,  132,  desgl.  v.  Rön-  *  Vgl.  Stenogr.  Ber.  der  J.  K.  1849—5),

nes  Bearbeit.  der  Verf.  Urk.,  S.  162—113.  S.  1636  ff.  u.  1852.
?  Vgl.  Stenogr.  Ber.  der  II.  K.  1349—50,
S.  800.