Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

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manchmal  einen  Tag,  an  dem  es  wie  mit  Kannen  goß,  so  daß  an
ein  Ausgehen  nicht  zu  denken  war.  Und  doch  sollte  der  hohe  Herr
sich  Bewegung  machen.  Da  benutzte  er  denn  die  ganze  Flucht  von
Zimmern  zum  Aufundabgehen.  Als  ihn  einmal  der  Kammer—
diener  nicht  mehr  wandeln  hörte,  ging  er  hinein,  etwas  zu  bringen.
Doch  wie  fand  er  seinen  Herrn!  Einen  Bodenteppich  auf  den
andern  legend,  im  Schweiße  seines  Angesichts.  „Aber,  Majestät,
was  tun  Sie  da?  Warum  lassen  Sie  mich  das  nicht  machen?“
Lächelnd  erwiderte  der  Kaiser:  „Ja,  das  hab'  ich  mal  selber  ge—
macht.  Da  unten  liegt  ein  schwerkranker  Badegast,  der  wenig
schlafen  kann.  Wenn  ich  nun  hier  oben,  über  seinem  Kopfe,  herumwandle,
  da  hat  ja  der  arme  Mann  gar  keine  Ruhe.  Damit  er's
also  nicht  hört,  habe  ich  die  Teppiche  alle  zusammengesucht  und
aneinandergelegt;  so  geht  sich's  doch  leiser.  Man  macht  so  was
immer  am  besten  selbst!“  Das  war  der  große  Kaiser  Wilhelm  J.!
4.

Der  Kaiser  litt  einst  an  einer  starken  Erkältung.  Sein  Leibarzt
  hatte  ihm  außer  einer  andern  Arznei  noch  einen  Tee  verschrieben,
  den  er  in  der  Nacht  zur  Linderung  des  Hustenreizes
trinken  sollte.  Der  Kammerdiener  war  genau  angewiesen  worden,
wieviel  von  dem  Tee  bei  jedem  Hustenanfall  gewärmt  und  dem

Kaiser  gereicht  werden  sollte.

Als  nun  am  andern  Morgen  der  Leibarzt  seinen  Besuch
machte,  berichtete  ihm  im  Vorzimmer  der  treue  alte  Kammerdiener
voll  Freude:  „Seine  Majestät  haben  eine  ruhige  Nacht  gehabt.“
Befriedigt  trat  der  Arzt  in  das  Schlafzimmer  des  Kaisers;  aber  ein
Blick  auf  dessen  müde  Züge  und  ein  zweiter  auf  die  nicht  geleerte
Teekanne  erregten  in  ihm  den  Zweifel,  ob  der  Bericht  des  Kammerdieners
  wahr  sei.  Der  Kaiser  ließ  ihm  keine  Zeit  zu  fragen.  „Ich
habe  viel  gehustet  und  wenig  geschlafen“,  sagte  er,  und  als  er  den
Blick  bemerkte,  den  der  Arzt  auf  die  Teekanne  warf,  fügte  er  hinzu:
„Ich  habe  mehrmals  von  dem  Tee  getrunken,  aber  ich  habe  nicht
klingeln  mögen;  der  alte  Mann  draußen  muß  doch  auch  seine  Ruhe
haben,  und  so  habe  ich  mir  selbst  den  Tee  auf  der  Spirituslampe
gewärmt.“

295.  Kaiserin  Augusta  und  das  kranke  Kind.

Die  Kaiserin  Augusta  war  überaus  milde  und  wohltätig.  Sie
war  am  glücklichsten,  wenn  sie  Werke  der  christlichen

Barmhekzigkeit  ausüben  konnte.  Einst  begegneten  ihr  auf