Full text: Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band II (2)

Artilel 20. 21. Thissen. 21 
gegangen sind. Das Deutsche Volk ist conservativ im edelsten 
Sinne des Wortes, es hält auf Anstand und Zucht und Ordnung in 
Haus, Familie und Gemeinde; das Deutsche Volk, meine Herren, ist der 
eigentliche Hüter desjenigen, was im germanischen Stamme 
Großes und Edles gegeben ist, das Volk ist auch dankbar, es lohnt 
mit Vertrauen jene, welche ihm Wohlwollen entgegenbringen und wenn es 
die Wahl hat, dann legt es auch die Sorge für seine Interessen ganz be- 
sonders gern in die Hand eines Mannes, welcher mit dem ihm geblihrenden 
Wohlwollen zugleich den Glanz einer äußern Stellung und der Ehre ver- 
bindet. Sie, meine Herren, in dem hiesigen Reichstage sind da- 
von ein sprechender Beweis. Aus der directen Wahl des Volkes 
ist eine Zahl von Fürsten, Grasen, Baronen in den Reichstag 
gesendet worden und ich glaube, dieser Glanz, den ihnen das Volk gege- 
ben hat, Ist nicht minder hoch anzuschlagen, als die historischen Remiutscenzen 
der Berdienste, welche ihre Ahnen in den sfrüheren Zeiten um das Volks- 
und das Staatswohl sich erworben hoben. Bewahren wir, meine Her- 
ren, auch dem künftigen Reichstage diese Gestaltung, bewahren 
wir das Vertrauen, welches von den Regierungen dem Volke gebracht wor- 
den, und hüten wir uns, eine Antwort zu geben, welche der Regierung Miß- 
trauen entgegen bringt. Aber hüten wir uns auch, dem Reichstag eine Ein- 
richtung zu geben, zu welcher das Volk ehrliches und offenes Vertrauen nicht 
haben kann. Bedeuken wir, daß im Entwurs Verweigerung der Diäten 
für die Abgeordneten steht. Wenn dleser Paragraph belbehaten wird, 
so wird das Volk für seine Wahl auf einen sehr engen Kreis 
beschränkt, die Folge wird davon sein, daß vorzugsweise Capitalisten 
und solche Männer in den Reichstag gewählt werden, die in einer höheren 
Sphäre des Volkes stehen und wenn nun gar noch neben solchen 
Reichstag ein Oberhaus gestellt werden soll, dann, meine Her- 
ren, nehmen Sie es nicht übel, wenn das Volk sagen sollte: Wir 
sind verrathen, verkauft. Sorgen wir vielmehr, meine Herren, Ver- 
trauen zwlschen Volk und Regierung so vlel wie möglich zu begrln- 
den und zu besestigen und erwarten wir mehr von dem Geiste der deutschen 
Nation als von einem geschriebenen Paragraphen der Verfassung, sorgen 
wir vielmehr, daß dem Mißtrauen begegnet werde, welches vielsältlg zwischen 
Bolk und Regierung vorhanden ist und die eigentliche Quelle so vieler be- 
klagenswerther Zustände ist. Als ein Hinderniß des Vertrauens be- 
zeichne ich die feindselige Stellung, welche nur gar zu oft in vielen 
Ländern die niederen Beamten gegen die Interessen des Volks einge- 
nommen haben, die Stellung, die sie, gesttzt auf Partel= und Clüquewesen, 
den Interessen der Gemeinde gegenliber eingenommen haben, wodurch auch 
das Volk von ihnen sich entsernen mußte. Wenn aber das Volk in dem 
Umgange mit dem ihm nahestehenden Beamten die Ueberzeugung gewinnt, 
daß die Regierung alles das in Schutz nimmt, was ihm wahrhaft heilig
	        
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