Full text: Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band II (2)

26 Reichsteg. 
unseren socialen und politischen Zuständen angemesseue und entsprechende 
Corporationen zu begrinden und in politische Wirksamkeit zu setzen- 
Ich verkenne dabei durchaus nicht, meine Herren, alle diejenigen Ge- 
fahren, die das allgemeine Stimmrecht in sich birgt, ich möchte aber die- 
jenlgen Herren, die gegen den principlellen Charakter des allgemeinen Stimm- 
rechts auftreten, dringeud ersuchen, daß sie sich nicht dabei beruhlgen, meine 
Herren, blos das allgemeine Stimmrecht zu bemängeln und zu tadeln, son- 
dern daß sie ihrerseits dann auch den Versuch machten, uns wenigstens die 
Grundzüge eines andern und bessern — Wehrgesetzes vorzuschlagen. 
Sie wltrden dann wahrscheinlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß dies ein 
Unternehmen ist, was nicht blos sehr schwierig, sondern was mir zur Zelt 
als völlig unausführbar erscheint. Ich glaube, es bedarf keiner besseren 
Rechtferligung des allgemeinen directen Wahlrechts, namentlich gegenüber den 
berechtigten Anschauungen von dem Werth der Persöulichkeit, von dem Werth, 
den in einem christlichen Staate Jeder mit Recht in Anspruch nimmt, der 
seine Pflichten gegen diesen Staat erfüllt, und, meine Herren, die Krone 
aller Pflichten gegen den Staat ist die, sein Leben für den Staat 
in die Schanze zu schlagen. Ich meinerselts würde es nicht wagen zu 
vertheidigen, daß elnem Krämer hier in Berlin, weil er einen größeren Geld- 
beutel besitzt, ein drei= oder zehnfaches Wahlrecht zuzusprechen sei, vor Einem, 
der von der Schlacht bel Königgrätz mit dem Militair-Ehrenzeichen 
zurlckkehrt. (Vereinzeltes Bravo!) Darum, meine Herren, ich meinerfeits 
lasse mir das allgemeine directe Wahlrecht, wie die Sachen jetzt stehen, nicht 
blos gefallen, sondern ich vertrete dasselbe, ich verkrete dasselbe, meine Herren, 
mit dem vollen Bewußtsein der Gefahren, die das allgemeine directe Wahl- 
recht unzwelfelhaft in seinem Schooße birgt. Ich sage mir, wie man das 
Fieber eines Menschen nicht dadurch curirt, daß man einen Be- 
schluß faßt: er soll es nicht mehr haben, sondern dadurch, daß man 
ihm die Heilmittel verabreicht, daß man die lebendigen und gesunden Ele- 
mente in Bewegung setzt; ebenso werden Sie die Gefahren des allgemeinen 
Stimmrechts nicht dadurch beschwören, oder beseitigen, daß Sie ung ausfüh- 
ren: „ue# ist bedenklich, es kann unter den gegebenen Umständen sehr schlimm 
werden, wir möchten es licber nicht haben, wir wollen es als interimistisch 
betrachten,“ sondern, meine Herreu, ich glaube meinerseits aus der Geschichte 
gelernt zu haben, dabß die Gefahren, die ein geschichtliches und politisches 
Prlucip in seinem Schooße birgt, nur beseitigt und erledigt werden durch 
die Geschichte selbst, d. h. durch die Entwickelung und durch das Inaction- 
setzen der entgegengesetzten, lebenskräftigen und lebendigen Elemente, durch 
das Gegenwirken derjenigen, die fich durch das allgemeiue Stimmrecht be- 
droht und gefährdet fühlen, und ein Hauptvorzug in meinen Augen, meine 
Herren, — gestatten Sie mir das ganz offeu auszusprechen — ein Haupt- 
vorzug dieses allgemeinen directen Wahlrechts liegt gerade darin, 
daß die Spitze dieses Wahlrechts die Menschen da berührt, wo#
	        
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