Full text: Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band II (2)

Artikei 32 (Dilten). Eulenburg. 685 
Ich glaube, der Herr Abgeordnete Twesten hat ausgeführt, daß man diese 
Gewbhnung der Bevölkerung nicht stören solle. Die Bevölke- 
rung sei einmal in diesem ZLause. Das Factum gebe ich zu, die Be- 
rechtigung des Factums nicht. Ich glaube, daß diese Gewöhnung 
eine falsche ist und daß sie in Abgewöhnung umgewandelt werden muß. 
(Sehr guk! rechts.) Ich erinnere, meine Herren, — ganz ohne alle Bitterkeit 
von Rückblicken — an das, was in Preußen geschehen ist, an die Zu- 
sammensetzung im Abgeordnetenhaus in den Jahren 1862 bis 
1865. Wenn man damals auf Befragen Jemanuden sagte: „dieses sind die 
Abgeordneten des Preußischen Volkes“, — so konnte er das nun und nim- 
mermehr glauben. Sie waren es nicht, sie waren in's Abgeordnetenhaus 
Gewählte des Preußischen Volkes, aber Vertreter des Preußischen Volkes 
waren sie nicht; (Zustimmung rechts, heftiger Widerspruch links) das Volk 
reprösentirten sie nicht, (Widerspruch links) ganz sicher nicht; die allerbe- 
deutendsten, die allerwichtigsten Elemente des Volkslebens waren 
unvertreten. Auf der einen Seite schließt die Entscheidung der Diäten- 
frage im negativen Sinne einen Theil derjenigen Personen, an welche sich 
die Bevölkerung gewöhnt hat, aus; aber — worauf ich einen viel größeren 
Werth lege — sie wird mit der Zeit diejenige Klasse der Bevölke- 
rung, welche meiner Ansicht nach recht eigentlich in eine Volls- 
vertretung gehört, daran gewöhnen sich wählen zu lassen. Die 
Sache liegt jetzt insofern sehr übel., als die Gewöhnung dieser großen 
berechtigten und meiner Ansicht nach berechtigtsten Klasse der Bevölkerung 
sich zurückzieht, sich gar nicht auf die Wahllisten stellen läßt, 
sich nicht hineinbegeben will in das Treiben der Wahlen, theils weil sie sagt, 
ich mag mich nicht herumschlagen auf einem Felde, was mir nicht couvenirt, 
theils weil sie sagt, meine Privatwerhältnisse gestatten mir nicht, so viel Zeit auf 
die öffentlichen Verhälmisse zu verwenden. Meine Herren! Für Jemanden 
des sich bewußt ist, daß er die Kraft und Intelligenz besitzt, ist es eine 
Pflicht, sich in die Wahlbewegung hineinzuwerfen, ist es eine Pflicht in die 
Volksvertretung zu kommen zu suchen, vor allen Dingen aber eine Pflicht 
denjenigen Candidaten aus dem Felde zu schlagen, der mit größerer Thätigkeit 
ihm den Rang abzulaufen droht und der dann in der Volksvertretung Prin- 
elpien und Grundsätze proclamirt, die den seinigen schnurstracks entgegen find 
und die zu Beschlüssen führen, die nach seiner Meinung dem Wohl des Vater- 
landes nicht entsprechend sind. In dem Augenblick, wo Andere, weil sie 
ohne Dläten nicht erscheinen können, als Candidaten nicht auftreten, wird 
diese Kategorie von Leuten hervortreten müssen, um die Vertretung, deren 
der Wahlkreie nicht entbehren kann, zu übernehmen. Dies ist für mich und 
die Staatseregierung ein durchschlagender Grund, und ein Grund hoher po- 
litischer Bedeutung. Run aber noch Eins, meine Herren! Ist es denn 
ein Unglück, wenn durch Jemandes Gegenwart hier im Reichs- 
tage oder im Landtage seine Privatverhältnisse mehr oder
	        
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