1122 1869. Art. 4 Ziff. 13.
Abgeordneter Dr. Künzer aus Breslau (Glatz-Habelschwerdt)"“): Meine
Herren! Wenn es sich hier um ein „Uebermaß"“ handelte, welches wir als
Vertreter des Norddeutschen Bundes verlangen, so würde ich gewiß nicht zu
Denjenigen gehören mögen, die für dieses Uebermaß auch nur ein Wort
sprechen wollen; aber ich behaupte, und ich denke mich dabei im Einver-
ständniß mit dem größten Theil der Versammlung, daß ein bescheidenes
Maaß von einer Deutsch'en Einigung dasjenige ist, was in der Brust eines
jeden Deutschen, nicht bloß seit dem Fahrc 1866 sondern seit sehr langer
Zeit wohnt und sich geltend zu machen sucht. Freilich wer in den Ereig-
nissen des Jahres 1866 nur einen zufälligen Krieg erblickt, nur einen zu-
fälligen Eroberungskrieg, nur einen vorübergehenden Sieg Preußens über
Oesterreich sieht oder gar diesen Krieg einen Bruderkrieg nennt, wer die Er-
eignisse des Jahres 1866 von einem so niedrigen Standpunkte aus auffaßt, der
kann zu keinem andern Resultate kommen, als daß wir innerhalb des Gebäudes
bleiben, welches mühsam durch die Ereignisse errichtet worden ist. Wer aber
— und zu diesem bekenne ich mich — die Ueberzeugung hat, daß die Er-
eignisse von 1866 nicht möglich gewesen wären, wenn nicht der allergrößte
Theil Deutschlands und des geliebten Vaterlandes die Sehnsucht nach einer
Einigung tief empfunden, wer da glaubt, daß die Ereignisse des Jahres
1866 nichts sind als eine Explosion des Deutschen Nationalgefühls, um
endlich einmal in Europa wieder zur Anerkennung und Stellung zu gelan-
gen, die der Deutschen Nation gebührt, — wer so denkt, der wird jeden
Antrag mit Freuden begrüßen, den die verhöhnten Reichszimmerleute uns
bringen, der wird einem solchen Antrage wie der vorliegende mit Freuden
beistimmen, nicht weil er fürchtet, es könnte durch das Hämmern und Pochen
der Reichszimmerleute das junge Gebäude zusammenfallen, sondern weil er
hofft, daß je rascher, je schneller, je entschiedener gepocht, um so eher das
Gebäude fertig werden wird. Für ein Gebände, welches noch nicht fertig ist,
wird man nicht so leicht Miether finden. Wir können den Süddeutschen
nicht zumuthen in ein Gebäude einzutreten, das noch nicht fertig ist. Sollte
es uns gelingen, ein fertiges oder wenigstens ein wohnliches Gebäude herzu-
stellen, dann werden wir keine Miethszettel an unser Norddeutsches Bundes-
haus zu hängen brauchen, man wird mit Sang und Klang von Süddeutsch-
land in unser Haus einziehen. Ich bin fest überzeugt, daß die Zeit längst
vorüber ist, wo es auch dem mächtigsten Potentaten des Auslandes möglich
wäre ein einziges Baierisches oder Sächsisches Bajonnct zu finden, welches
gegen die Deutschen zu Felde geführt würde. Ich glaube, daß das Deutsche
Nationalgefühl seit dem Jahre 1815 und noch früher, seit den Deutschen
Befreiungskriegen in den Herzen der Deutschen so tief ist, daß alle Maß-
regeln, die man vielleicht ergreifen möchte, nicht mehr im Stande sind die-
ses Gefühl zu ersticken. Ich habe bei einer anderen Gelegenheit bereits
*) St. B. S. 651 r. u.