Full text: Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band III (3)

Kanitz. 1129 
ein neuer Staat entstehen müsse; sie haben dies Ziel unablässig verfolgt und 
niemals aus den Augen verloren, — aber wie haben sie ihre Aufgabe erfüllt? 
Nicht mit einem Male haben sie größere Gebietsstrecken sich angeeignet, 
sondern sie sind nur allmälig vorgegangen, Schritt für Schritt, aber um so 
sicherer. Es hat mehrerer Jahrhunderte bedurft, um Preußen zu seiner 
jetzigen Machtstellung emporzubringen. Jedes neu erworbene Land mußte 
erst Preußisch organisirt, jedem neugewonnenen Volksstamme mußte erst das 
Bewußtsein eines wahren Vaterlandes eingeprägt werden; es mußte — und 
meine Herren, verachten Sie den Ausdruck nicht — erst Preußische Ord- 
nung und Preußischer Gehorsam geschaffen werden. (Heiterkeit.) Und wie 
hat sich diese Preußische Politik bewährt! Im Jahre 1866 hat der Preußische 
Staat gezeigt, daß er in allen Theilen aus einem Guß bestand, und dieser 
Staat ist das Machwerk jener alten einfachen Politik, welche so lange Zeit 
nicht bloß im Auslande sondern auch bei uns im Inlande verachtet war 
und welche doch Besseres und Größeres geleistet hat als andere Staaten mit 
ihrer raffinirten Staatskunst. Das Festhalten an dieser Politik nenne ich 
konservativ. Wir wollen an dieser guten Praxis festhalten und dieselbe nicht 
eher aufgeben, als bis wir einen besseren Ersatz haben werden! In dem- 
selben Jahre, wo diese Politik sich so glänzend bewährt hat, hat ein anderer 
Staat einen eben so glänzenden Beweis seiner Ohnmacht und Kraftlosigkeit 
gegeben — ich meine das Königreich Italien. (Widerspruch.) Ich mißgönne 
den Italienern ihre Einheit keineswegs. Ich gönne ihnen die Einheit ebenso, 
wie ich uns die Deutsche Einheit gönne. 
Prästdent: Ich glaube, diese Untersuchung steht wirklich mit dem 
Migquel-Lasker'schen Antrage außer jedem Zusammenhange. 
Graf von Kanitz (fortf.): Meine Herren! Italien konnte die Einheit 
auf diesem gefährlichen Wege durch eine rasche Umwälzung aller staatlichen 
Verhältnisse eher erreichen als wir. An unserer Grenze stehen mächtige 
Feinde und Nachbarn, welche mit mißtrauischem Auge auf unsere Machtent- 
wickelung sehen. Wir dürfen unsere Kräfte nicht zersplittern und nicht jetzt 
schon wieder fremde Elemente in uns aufnehmen, welche trotz allen guten 
Willens unscre Bewegungen nur hemmen und hindern werden. 
Präsident: Ich mache den Herrn Redner darauf aufmerksam, daß es 
sich darum handelt, ob der Artikel 4 der Bundesverfassung in seiner Nr. 13 
verändert werden soll, wie die Abgeordneten Miquel und Lasker vorgeschlagen 
haben, — nicht aber um die Erörterungen, welchen er sich überläßt. 
Graf von FKanitz (fortf.): Meine Herren, Preußen hat im Jahre 1866 
neue große Provinzen erworben, welche noch viele widerstrebende Elemente 
enthalten, zu deren Bewältigung es noch einer Reihe von Jahren bedürfen
	        
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