336 Der Feldzug im Osten vom 6. Nov. bis 17. Dez. 1914
Die Auswirkung des Zusammenbruchs der
russischen Offensive
Der russische Koloß war nicht zerbrochen, aber innerlich so erschüttert, daß
die riesige Masse keine geschlossene und unveränderliche Einheit mehr bildete.
Jamuschkewitschs geistige Vorbereitung auf den Feldzug, der die Russen
binnen drei Monaten nach Gerlin oder Dest führen sollte, war erschöpft,
Suchomlinowms Vorräte waren aufgezehrt, kurz, man kann sagen, daß
Rußlands militärische Kraft zu unheilbarem Schaden gekommen war, als
der große Angriff am 15. Dezember 1914 zusammenbrach und das russische
Heer sich in die Verteidigung zurückzog. Oie aufgespeicherte Kraft war so
stark angegriffen, daß künftig nicht mehr die ganze Masse einheitlich in Be.
wegung gesetzt werden konnte. Dadurch wurde auch die zahlenmäßige Uber-
legenheit ihrer strategischen Bedeutung entkleidekt, der Russe gezwungen,
sich zu Teiloperationen zu bequemen, und so den Gegnern der Kampf mit
der Lbermacht erleichtert.
Die Mittelmächte hatten in den Schlachten von Wloclawek, Kutno,
Lodz, Belchatow, Lowicz und Limanowa nicht nur das gewallige Heer, das
NRußland für die Niederwerfung Deutschlands und Osterreich-Angarus
bereitgestellt hatte, sondern auch die zweite große Krise des Krieges über-
wunden.
Da der Feldzug im Westen nicht zur Vernichtung des englisch-französi.
schen Feldheeres geführt hatte und sieben deutsche Armeen dort gefesselt
blieben, war der Krieg im Spätherbst des Jahres 1914 für die Mittelmächte
verloren, wenn es nicht gelang, das russische Angriffsheer in kurzer Frist so weil
niederzuringen, daß der russische Koloß in die Knie sank und den Vormarsch
gegen Deutschlands Lebenszentren aufgab. Dieses Ziel war am 17. Dezember
als erreicht zu betrachten.
Die Niederringung des mächtigen Gegners war aber auch dem un-
erschütterlichen Widerstand zu verdanken, den die deutsche Westfront in ihren
Gräben dem englisch französischen Heere entgegenstellte, das nicht nur grund-
sählich zum Angriff verpflichtet war, sondern auch im Augenblick, da das
russische Heer in Gefahr geriet, geschlagen zu werden, von selbst zu Ent-
lastungsunternehmungen aufgerufen wurde.
Um so schwieriger war die Aufgabe der auf der inneren Linie nach
zwei Seiten kämpfenden Mittelmächte. Ihre Kriegführung mußte nach dem
Abbruch des Marnefeldzuges und angesichts des russischen Massenaufgebotes
unerbittlich auf die JZusammenfassung der Streitmittel auf dem östlichen
Kriegstheater gerichtet werden und im Westen gegenüber Engländern und
Franzosen und im Südosten gegenüber Serben und Montenegrinern mis
Kräften sparen.