Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

132  Die  französische  Granate.

des  Bolzens  dreht  sich  dabei  in  einem  weit  größern  Kreise  als  die
Spitze  desselben,  schon  nach  wenigen  Drehungen  ist  die  Kraft,  das
Gewicht  des  äußern  Köpfchens  so  stark,  daß  der  Bolzen  dem  Gesetze
der  Zentrifugalkraft  folgen  muß  und  fortgeschleudert  wird.  Dadurch
hört  nun  wieder  jede  Beschränkung  der  Nadelspitze  auf,  sie  ist  wieder
geschickt,  den  Zündspiegel  zu  erreichen,  der  die  schlummernden  verderb—
lichen  Kräfte  des  Geschosses  weckt  und  entfesselt.  Schon  wenn  die
Granate  nur  25  Schritt  aus  der  Mündung  des  Rohres  sich  entfernt
hat,  verliert  sie  den  Bolzen.

Etwas  Sinnreicheres  in  der  Konstrukzion  und  etwas  Zweckentsprechenderes
  als  diese  preußische  Granate  dürfte  nicht  oft  gefunden
werden.  Schade,  daß  so  vieler  Scharfsinn  bei  der  Zusammensetzung
dieser  Geschosse  nur  angewendet  wurde,  um  Mittel  der  Zerstörung  zu
ersinnen.

Ein  jeder  Granatschuß  kostet  je  nach  dem  Kaliber  5—10  Thaler.

Die  französischen  Granaten  haben  ungefähr  dieselbe  Gestalt  wie
die  preußischen,  aber  ihre  Zündvorrichtung  ist  eine  ganz  andre.  Der
Kopf  derselben  hat  keine  Oeffnung,  dafür  ist  das  hintere  Ende  durchbohrt
  und  es  wird  eine  kleine  Schlußschraube  eingesetzt,  welche  einen
Zündfaden  enthält.  Dieser  entzündet  sich  durch  das  Abfeuern,  und
wenn  er  verbrannt  ist  und  das  Feuer  das  Pulver  erreicht,  so  platzt
die  Granate,  gleichviel  ob  sie  noch  im  Fluge  ist  oder  ob  sie  bereits
in  die  Erde  oder  einen  Gegenstand  eingedrungen  ist.  Diese  Zündvorrichtung
  ist  natürlich  viel  unsichrer  als  die  preußische,  denn  öfter
entzündet  sich  der  Zündfaden  beim  Abfeuern  gar  nicht,  öfter  wird  er
auch  durch  den  scharfen  Luftzug  wieder  ausgelöscht,  oder  die  Granate
kommt  mit  nassen  Gegenständen  in  Berührung  und  der  Funken,  der
zünden  soll,  wird  wieder  erstickt.  In  vielen  Fällen  wird  auch  der
günstigste  Moment  zur  Zerstörung  unbenutzt  vorüber  gehen,  da  die
Soldaten,  wenn  nicht  gleich  beim  Einschlagen  die  Explosion  erfolgt,
sich  durch  Niederwerfen  gegen  die  Wirkung  der  Sprengstücke  sichern
können.

Es  leuchtet  ein,  daß  die  Wirkungen  der  preußischen  Artillerie
unter  diesen  Umständen  der  französischen  weit  überlegen  sein  mußten.
Dazu  kam  aber  noch,  daß  die  preußischen  Artillerie=  und  Ingenieur-