Full text: Allgemeine Staatslehre

118 Erstes Buch. Einleitende Untersuchungen... 
sten wissenschaftlichen Aufgaben. Es läßt sich närnlich kein fest- 
stehendes, für Alle Nationen passendes Merkmal angeben... Nicht 
die natürliche Stammesgemeinschaft, da alle modernen 
Nationen aus verschiedenen, ethnologisch oft weit .auseinander- 
liegenden Stämmen zusammengesetzt sind; ja je höher entwickelt 
cine Nation ist, aus desto verschiedenartigeren Bestandteilen ist 
sie gebildet. So stammen. die heutigen Italiener ab von Etruskern, 
Römern, Kelten, Griechen, Germanen, Sarazenen; die Franzosen 
von Römern, Galliern, Briten, Germanen; so sind die Russen aus 
zahlreichen slawischen und nichtslawischen Stämmen gemischt. 
Vor allem aber zeigen die Amerikaner, in denen Blut fast aller 
Rassen zu finden ist, daß eine durch Rassengemeinschaft geeinte 
Vielheit nicht identisch ist mit Nation. Auch wenn eine Nation 
ausnahmsweise längere Zeit. ungemischtes Blut bewahrt hat, ıst 
es nicht dieses, sondern die Gemeinsamkeit historischer Schick- 
sale und bestimniter Kulturelemente, die das einigende Band ab-. 
gibt. Selbst wo die Stammesgemeinschaft unmittelbar natıonal zu 
wirken scheint, ist es nicht diese natürliche Einheit selbst, son- 
dern das Wissen um sie, bestimmte Gefühle und Vorstellungen, 
die sich an das Bewußtsein dieser Tatsache knüpfen, die national 
einigend wirken. Auch die Sprache bietet kein sicheres Unter- 
scheidungsmerkmal der Nationen. Es gibt mehrere Nationen, 
welche dieselbe Sprache reden (Engländer — die englisch- 
sprechenden Iren-Amerikaner; Spanier — die amerikanischen 
Nationen spanıscher Zunge; Portugiesen-Brasilianer; Dänen-Nor- 
weger usw.), so wie anderseits kleine Sprachgemeinschaften oder 
Bruchstücke verschiedener Sprachstämme vorhanden sind, die 
sich mit anderssprachigen nicht nur als politische, sondern auch 
als nationale Einheit betrachten, also Basken-Spanier, Bretonen- 
Franzosen, Walliser-Engländer, Rhätoromanen- andere Schweizer. 
Auch innerhalb einer Nation mit einheitlicher Schriftsprache 
können große, nicht nur als mundartlich zu charakterisierende 
Unterschiede der Volkssprache vorhanden sein. Man denke an 
den Gegensatz von Hochdeutsch und Niederdeutsch,.von Franzö- 
sisch und Provengalisch. Die Religion ist heute nicht mehr 
Nationalreligion; ein und dieselbe Nation kann Angehörige ver- 
schiedener Religionen haben. Doch kann auch sie, gleich der 
Sprache, eines der die Nation konstituierenden Elemente sein. 
So sprechen Kroaten und Serben dieselbe Sprache, jene aber 
gehören der römischen, diese der griechischen Kirche an, wes-
	        
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