Sechstes Kapitel. Das Wesen des Staates. 151
Wesen des Ganzen heraus völlig begriffen werden können. Die
organische Theorie stellt sich so als Gegenstück der indivi-
dualistischen Lehre von der ınenschlichen Gemeinschaft dar. In
allen ihren Formen aber leidet sie an cinem schwerwiegenden
Fehler. Sie operiert nämlich mit einem Begriff, den sie nicht
definieren kann. Eine wissenschaftlich befriedigende Erklärung
des Wesens des Organismus existiert nicht. Alle Definitionen, die
den Organismus als objektive, d. h. von unserer Betrachtungs-
weise unabhängige Erscheinung voraussetzen, kommen nicht über
Umschreibungen, Tautologien oder im besten Falle über un-
zutreffende Allgemeinheiten hinaus. Namentlich ist es kaum mög-
lich, ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zwischen Organismus
und Mechanismus aufzustellen. Das letztere beweist auch die
neueste Definition, die Wundt gegeben hatt). Eine einigermäßen
befriedigende Erklärung des Organismus ist nur unter Zuhilfe-
nahme des Zweckbegriffes möglich; das Wesen des Organismus
ist durchaus teleologischer Natur?). Alle organischen Funktionen
haben einen Zweck auf das Ganze, und das Ganze hat hinwieder
fortwährende Zweckbeziehung auf seine Teile. Einen objektiven
Zweck zu begreifen, übersteigt aber unser Erkenntnisvermögen.
2) Unter Gesamtorganismus versteht Wundt, Svstem II S.192£.,
„jede zusammengesetzte Einheit, welche aus Teilen besteht, die selbst
einfachere Einheiten von ähnlichen Eigenschaften, zugleich dienende
Glieder oder Organe des Ganzen sind“, muß aber selbst zugeben, daß
diese Definition auch auf leblose Körper angewendet werden und „auch
eine Maschine, ein Kunstwerk, ein Werk der Wissenschaft ein ÖOrganis-
mus genannt werden“ kann. Über die außerordentliche Schwierigkeit,
Organısmus und Mechanismus zu scheiden, vgl. Brücke Vorlesungen
über Physiologie I 1874 S.1f., der den Unterschied des ersteren von
letzterem ausschließlich ın die Fähigkeit setzt, sich fremde Stoffe zu
assimilieren, ferner Bütschli Mechanismus und Vitalismus 1901 S. 72£f. ;
Mach Die Analyse der Empfindungen, 6. Aufl. 1911 S.Sif. Wie ober-
lächlich im Vergleich mit solchen fachmännischen Ausführungen sind
z.B. die vonPreuß, Gemeinde S. 140, der nunmehr (Über Organpersönlich-
keit a.a.0O. S.121 [575]) sich mit dem Unvermögen der Wissenschaft zur
befriedigenden Erklärung des Organismus tröstet, ein Bekenntnis, das
dem nicht Organismusgläubigen trostlos erscheinen muß.
°®) „Ein organisiertes Produkt der Natur ist das, in welchem alles
Zweck und wechselseitig auch Mittel ist.“ Kant Kritik der Urteilskraft
875. Über den Zusammenhang des Begriffs des Organismus mit der
Zweckvorstellung vgl. die vorzüglichen und tiefdringenden Ausführungen
von Sigwart a.a.0. II 8 78 Ziff. 4ff., namentlich Ziff. 10, ferner
Wundt System I S.312ff., II S. 104 ff.