Zweites Kapitel. Die Methodik der Staatslehre. 35
Wertmaßstab des Gegebenen. Was ihm entspricht, . ist gut und
hat das Recht, sich durchzusetzen und dazusein; was ıhm nicht
entspricht, ist zu verwerfen und zu überwinden.
In der "Staatsichre mündet ‘diese Vorstellung vom idealen
Typus notwendigerweise in das Streben, den besten Staat zu
finden 'und an ihm die gegebenen staatlichen Institutionen zu
messen. Die Geschichte der Staatslehre ist aber nicht zum
geringen Teil Geschichte der Versuche, den typischen Staat zu
erkennen, bedeutet daher im Grunde die Verwandlung aller Staats-
Iichre in Politik. Was bei Plato ausdrücklich erklärter Zweck
aller politischen Spekulation war, das ist verhüllter oder offener
noch ın vollem Umfange bis in die Staatslehre der Gegenwart
hinein zu finden. Alles Forschen nach dem Staatszweck und
dem Rechtsgrunde der Staaten, alle naturrechtlichen Deduktionen
zur Begründung des fürstlichen Absolutismus und der Volks-
souveränität, alle Schilderungen des konstitutiönellen Staates auf
Grund der Idee von der Gewaltenteilung, alle Theorien vom christ-
lichen, vom nationalen, vom Rechtsstaate, wie sie das 19. Jahr-
hundert gezeitigt hat, sind im Grunde nichts als Versuche, den
idealen Staatstypus in endgültiger Weise festzustellen.
Heute aber ist es kaum mehr eines Beweises bedürftig, daß
der jeweılig aufgestellte Typus nicht auf dem \Wege wissen-
schaftlicher Forschung, sondern auf dem der Spekulation ge-
funden worden ist. Und nicht etwa auf dem Wege kühl ab-
wägender und behutsam vorwärts schreitender Spekulation. Die
tiefstgehenden politischen Strebungen einer Zeit und ihrer
Parteien sind in den Staatstypen zum Ausdruck gekommen, wie
sie uns die Geschichte der politischen Literatur in buntem
Wechsel vorführt.
Das Suchen und Finden idealer Typen entspricht einem
tiefen, unabweislichen Bedürfnis der menschlichen Natur, das
namentlich praktisch von der größten Bedeutung ist. Die Polıtik
hat ihrer nie entraten können; die großen Wandlungen der
Menschengeschicke sind niemals durch bloßes opportunistisches
Handeln herbeigeführt worden. Die Prinzipien der Staatsmänner
und Parteien, die Dauerndes zu schaffen beabsichtigen, sowie
anderseits alle revolutionären Bestrebungen entlehnen ıhre Kraft
und Festigkeit nicht zum geringsten der Überzeugung von einem
zur Verwirklichung bestimmten Staatstypus.
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