Full text: Grundzüge der Sächsischen Geschichte für Lehrer und Schüler höherer Schulen.

Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft. Unermeßlicher Jubel erfüllte 1870. 
ganz Deutschland. 
8 117. Die Hoffnung indes, der Krieg werde mit dem Siege 
von Sedan zu Ende sein, verwirklichte sich nicht. Die französische 
Republik, die am 4. September in Paris verkündet wurde, setzte 
unter Gambettas Leitung den Kampf fort. Er drehte sich vor allem 
um Paris. Hier standen die Sachsen seit dem 19. September im Nord- 
osten der Riesenfestung und wiesen am 30. November und 2. Dezember 
in dem furchtbar blutigen Kampfe bei Brie und Villiers mit den 
Pommern und Württembergern den ersten großen Ausfall der Pariser 
zurück. Sodann bemächtigten sie sich nach heftiger Beschießung am 
27. Dezember des Mont Avbron und eröffneten darauf die Beschießung 
der Ostforts selbst. Ein letzter Aussall der Pariser am 19. Jannar 1871 
blieb ebenso vergeblich, wie nach dem Falle von Metz (28. Oktober) 
die Versuche der französischen Provinzialheere, die Hauptstadt zu ent- 
setzen. An deren siegreicher Abwehr nahmen auch einzelne sächsische 
Truppenkörper teil, wie an den Schlachten bei Belfort 15./17. Januar 
und St. Quentin 18./19. Januar. So wurden am 28. Januar der 
Waffenstillstand und die Kapitulation von Paris abgeschlossen 
und die Außenforts den deutschen Truppen übergeben. 
§ 118. Inzwischen hatten sich in langen Beratungen die deutschen 
Regierungen über die Erneuerung des Deutschen Reiches (durch 
den Anschluß der süddeutschen Staaten an den Norddeutschen Bund) 
geeinigt. Am 9. Dezember 1870 nahm der Reichstag die Verträge 
an, und auf besondere Veranlassung König Ludwigs II. von Bayern und 
König Johanns von Sachsen wurde am 18. Januar 1871 König 1871. 
Wilhelm von Preußen im Schlosse von Versailles zum erblichen 
Deutschen Kaiser ausgerufen. Am 3. März unterzeichnete Kaiser 
Wilhelm den Vorfrieden von Versailles, der den Elsaß und Deutsch- 
Lothringen mit Metz dem Deutschen Reiche zurückgab; dann kehrte er nach 
der Heimat zurück (Kaiserparade der Sachsen bei Brie und Villiers). 
Kronprinz Albert blieb noch einige Zeit als Oberbefehlshaber der 
deutschen Besatzungstruppen in Frankreich zurück, während der sächsische 
Kriegsminister A. von Fabrice als kaiserlicher Generalgouverneur die 
Verwaltung leitete. Nach dem Frieden von Franksurt am 10. Mai 
zogen auch die Sachsen heim. Der Kronprinz, vom Kaiser mit dem 
Eisernen Kreuze und dem Feldmarschallsstabe geschmückt, nahm sodann 
mit Prinz Georg an dem Triumpheinzuge in die Reichshauptstadt 
Berlin am 16. Juni teil und hielt am 12. Juli an der Spitze des 
sächsischen Armeecorps seinen Siegeseinzug in Dresden. So war der 
Traum und die Sehnsucht von Jahrhunderten glorreich er- 
füllt. Die Erneuerung des Deutschen Reiches hat den 
deutschen Stämmen und Staaten unter Wahrung ihrer 
Eigenart ein gemeinsames Vaterland und einen starken 
Schutz gegeben und der europäischen Staatenordnung den 
festen Schlußstein eingefügt.