Full text : Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

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(Schriftführer  Dr.  Belzer.)
Aus  dem  Bundesrat  ausgeschieden  ist

Herr  v.  Grävenitz,  Generalleutnant,  bisheriger
Württembergischer  Militärbevollmächtigter.

Präsident:  Meine  Herren,  ich  habe  Ihnen  eine
schmerzliche  Mitteilung  zu  machen.
(Der  Reichstag  erhebt  sich.)
Am  10.  Oktober  verstarb  in  seiner  Heimat  unser  langjähriger
  Herr  Kollege  v.  Grabski.  Er  gehörte  dem  Reichstag
  als  Vertreter  des  5.  Wahlkreises  des  Regierungsbezirks
  Bromberg  seit  dem  Jahre  1903  an.  —  Meine
Herren,  Sie  haben  sich  zum  ehrendem  Gedächtnis  des
verstorbenen  Kollegen  von  Ihren  Plätzen  erhoben;  ich
stelle  das  fest  und  danke  Ihnen.  «
In  den  Ausschüssen  hat  folgender  Mitglieder—
wechsel  stattgefunden.
Es  sind  eingetreten
in  den  6.  Ausschuß  für  den  Herrn  Abgeordneten
  Alpers
der  Herr  Abgeordnete  Rupp  (Marburg),
in  den  22.  Ausschuß  für  den  Herrn  Abgeordneten
  Bauer  (Breslau)
der  Herr  Abgeordnete  Stücklen,
in  den  26.  Ausschuß  für  den  Herrn  Abgeordneten
  v.  Graefe
der  Herr  Abgeordnete  Kreth.
Ich  habe  Urlaub  erteilt  den  Herren  Abgeordneten:
Nehbel  für  2  Tage,
Feuerstein,  Horn  (Neiße),  Laser,  Dr.  Marcour
für  5  Tage,
Bartling,  Dr.  van  Calker  für  8  Tage.
Wir  treten  in  die  Tagesordnung  ein.  Den  ersten
Gegenstand  der  Tagesordnung  bilden:

Anfragen.
Nun  wird  mir  mitgeteilt,  daß  sämtliche  Parteien  ihr
Einverständnis  ausgesprochen  haben,  daß  die  Anfragen
eute  von  der  Tagesordnung  abgesetzt  werden.  —  Das
aus  ist  damit  einverstanden.  Die  Anfragen  kommen
auf  die  Tagesordnung  der  Sitzung  am  nächsten  Freitag.
Ich  schlage  Ihnen  nunmehr  vor,  den  vierten  Gegenstand
  der  Tagesordnung  vorweg  zu  nehmen,  von  dem  die
rascheste  Erledigung  zu  erwarten  ist:
Erste  und  zweite  Beratung  des  Entwurfs
eines  Gesetzes  über  die  Ermächtigung
des  Bundesrats  zu  wirtschaftlichen  Maßnahmen
  für  die  Übergangswirtschaft
(Nr.  1935  der  Drucksachen).
Zur  Debatte  hat  sich  niemand  gemeldet.  Zur  Geschäftsordnung
  hat  das  Wort  der  Herr  Abgeordnete  Dove.

Dove,  Abgeordneter:  Ich  beantrage  die  Uberweisung
des  Gesetzentwurfs  an  die  Kommission  für  Handel  und
Gewerbe  zur  Vorberatung.

Präsident:  Wenn  niemand  widerspricht,  nehme  ich
an,  daß  das  Haus  mit  dem  Antrage  des  Herrn  Abgeordneten
  Dove  einverstanden  ist.  —  Ich  stelle  die  UÜberweisung
  des  Gesetzentwurfs  an  die  Kommission  für  Handel
und  Gewerbe  fest.

Wir  kommen  nunmehr  zum  zweiten
Gegenstande  unserer  Tagesordnung:

Erste  und  zweite  Beratung  des  Entwurfs
  eines  Gesetzes  zur  Abänderung
der  Reichsverfassung  und  des  Gesetzes,
betreffend  die  Stellvertretung  des  Reichskanzlers,
  vom  17.  März  1878  (Nr.  1936
der  Drucksachen)

erste  und  zweite  Beratung  des  Entwurfs
  eines  Gesetzes  zur  Abänberung
des  Artikel  11  der  Reichsverfassung
(Nr.  1951  der  Drucksachen).

und  dritten

und

 

Reichstag.  —  193.  Sitzung.  Dienstag  den  22.  Oktober  1918.

Zu  diesen  beiden  Gegenständen  der  Tagesordnung  (CO)

ist  als  Kommissar  des  Bundesrats  angemeldet  der
Kaiserliche  Geheime  Oberregierungsrat  Herr  Dr.  Schulze.

Meine  Herren,  ich  schlage  Ihnen  vor,  die  Generaldebatte
  über  diese  beiden  Gegenstände  der  Tagesordnung
zu  verbinden  und  dabei  die  allgemeine  politische  Aussprache
  vorzunehmen.  —  Ein  Widerspruch  erfolgt  nicht;
es  ist  demnach  so  beschlossen.

Ich  eröffne  nunmehr  die  Generaldiskussion  über  die
beiden  Gegenstände  der  Tagesordnung  und  erteile  das
Wort  dem  Herrn  Reichskanzler.

 

Prinz  Mat  von  Baden,  Reichskanzler:  Meine
Herren,  seitdem  ich  zum  ersten  Male  zu  Ihnen  sprach,
sind  in  Verfolgung  der  Friedensaktion,  die  die  Regierung
bei  ihrem  Amtsantritt  eingeleitet  hat,  weitere  Schritte  von
beiden  Seiten  getan.

Zunächst  kam  Präsident  Wilsons  Gegenfrage.  Unsere
unzweidentige  bejahende  Antwort  hat  zu  einer  erneuten
Anfrage  des  Präsidenten  geführt.  Unsere  Antwort  hierauf
ist  gestern  veröffentlicht  worden.

Meine  Herren,  das  ganze  deutsche  Volk  wartet  darauf,
zu  hören,  welche  Aussichten  die  Regierung  für  das  Gelingen
  des  Friedenswerkes  zu  sehen  glaubt.  Sie  werden
verstehen,  daß  ich  mich  hierüber  nur  mit  der  größten  Zurückhaltung
  äußern  kann.  Ich  weiß,  daß  auch  die  Parteien
  den  Wunsch  haben,  die  Debatte  möge  sich  eine  dem
Ernst  der  Stunde  entsprechende  Beschränkung  auferlegen.
Das  deutsche  Volk  ist  vom  Präsidenten  Wilson  angeredet
worden.  Diese  Tatsache  gibt  den  Außerungen  der  Vertreter
  aller  Parteien  erhöhtes  Gewicht.

Ich  möchte  daher  heute  über  die  internationale  Lage
nicht  mehr  als  dieses  Eine  sagen:  «

Die  erste  Antwort  des  Präsidenten  auf  den  Friedeusschritt
  der  deutschen  Regierung  hat  in  allen  Ländern  den
Kampf  der  Meinungen  über  die  Frage:  Rechtsfriede  oder
Gewaltfriede?  auf  den  Höhepunkt  geführt.  Es  handelt
sich  um  den  Gesinnungsstreit,  der  in  jedem  einzelnen
Lande  öffentlich  ausgefochten  wird,  wie  er  auch  in  gleicher
Lage  bei  uns  ausgefochten  werden  müßte.

Auf  der  einen  Seite  erheben  diejenigen  lauter  denn
je  ihre  Stimme,  die  sich  einbilden,  der  Augenblick  sei
nahe,  in  dem  sie  all  die  angesammelten  Leidenschaften  des
Hasses  und  der  Rachsucht  auf  dem  Boden  unserer  deutschen
Heimat  befriedigen  können;  auf  der  anderen  sind  sich  die

 

aufrichtigen  Anhänger  des  Völkerbundes  vollständig  klar

darüber,  daß  der  Grundgedanke  des  neuen  Glaubens  heute
seine  entscheidende  Probe  besteht.  Dieser  Grundgedanke
lautet:  Ehe  irgend  eine  einzelne  Macht  oder  Mächtegruppe
es  unternimmt,  das  Zwangsmittel  der  Gewalt  zur  Durchsetzung
  des  von  ihr  vertretenen  Rechts  gegen  eine  andere
Nation  anzuwenden,  muß  mit  aller  Gründlichkeit  und
Ehrlichkeit  der  Versuch  gemacht  werden,  auf  dem  Wege
freiwilliger  Ubereinkunft  den  Frieden  zu  erhalten  oder  —
auf  die  gegenwärtige  internationale  Lage  angewandt  —
ihn  zu  erreichen.

Dieser  Kampf  der  Meinungen  ist  noch  unentschieden.
Wir  können  die  seelischen  Gewalten  nennen,  die  gegeneinander
  stehen,  aber  nicht  ihr  Kräfteverhältnis  abschätzen.

Die  letzte  Note  des  Präsidenten  Wilson  hat  dem
deutschen  Volke  keine  Klarheir  darüber  gebracht,  wie  der
öffentliche  Meinungsstreit  ausgehen  wird.  Vielleicht  wird
dee  neue  Antwort  des  Präsidenten  die  endgültige  Gewißheit
ringen.

Bis  dahin,  meine  Herren,  müssen  wir  uns  in  allen
unseren  Gedanken  und  in  allen  unseren  Handlungen  auf
die  beiden  Möglichkeiten  rüsten:

Erstens  darauf,  daß  die  feindlichen  Regierungen  den
Krieg  wollen,  und  daß  uns  keine  andere  Wahl  bleibt,  als

(D)