Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

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39.  Das  gespenstige  Kalb  in  Oelsnitz.
Gräße,  Bd.  II.  Ar.  657;  Köhler,  Aberglauben  usw.,  S.  500.

Vor  ohngefähr  70  Jahren  sollte  ein  Maurer  in  Oelsnitz  in
einem  Hause  der  Altstadt  den  obern  Hausplatz  und  die  Gänge  weißen.
Derselbe  Kam  dabei  der  Türe  der  Oberstube  nahe  und  fand  sie  ein
wenig  offen;  hauptsächlich  um  das  Farbenmuster  der  Wände  zu
sehen,  schaute  er  hinein  und  erstaunte  nicht  wenig,  als  er  den  in
der  Mitte  stehenden  Tisch  ganz  mit  Geld  belegt  sah.  Der  Maurer
trat  sogleich  zurück  und  weißte  fort.  Bald  darauf  Rkam  er  an  eine
Kammer  die  ihre  Tür  auch  auf  der  Seite  des  Hauptplatzes  hatte.
Auch  diese  stand  ein  wenig  offen,  und  neugierig  schaute  er  auch  da
hinein  und  erblichte  mehrere  Laden  und  anderes  Gerät.  Beim
Uberblichen  dieser  Sachen  erhob  sich  hinter  einer  Lade  ein  Kalb
von  gewöhnlicher  rotbrauner  Farbe.  Den  Maurer  überlief  ein
Schauer,  er  machte,  daß  er  bald  fertig  wurde,  und  mochte  sich
nicht  mehr  umschauen.  Daß  sich  auch  zu  anderer  Zeit  in  jenem
Oelsnitzer  Hause  und  zwar  im  oberen  Stocke  desselben,  ein  Kalb
habe  sehen  lassen,  wird  noch  jetzt  von  einigen  behauptet.

40.  Das  Erdhühnchen.
Gräße,  Bd.  II,  Nr.  664;  Köhler,  Aberglauben,  S.  574  ff.

In  Oelsnitz  und  der  Umgebung  zeigt  sich  das  sogenannte  Erdhühnchen,
  wenn  jemand  sterben  soll.

Einst  war  ein  Knabe  in  Oelsnitz  mit  seinem  kranken  Schwesterchen
nachmittags  allein  in  der  Stube.  Da  lief  auf  einmal  ein  Vogel,
grau,  gerade  wie  ein  Lachtäubchen,  über  die  Stube  unter  das  Bett
und  ließ  ein:  „Gück,  güchk,  güch,  güch,"  schnell  nacheinander  hören.
Am  folgenden  Morgen  war  das  Schwesterchen  tot.  Der  Vogel
war  ein  Erdhühnchen  gewesen  und  hatte  den  Todesfall  angezeigt.

Ein  Einwohner  von  Unterhermsgrün  sah  die  Erdhühnchen  vor
dem  Tode  seiner  Frau.  Das  geschah  jedoch,  als  er  noch  in  Freiberg  bei
Adorf  lebte.  Er  befand  sich  nachmittags  4  Uhr  in  der  Stube,  als  auf
einmal  zwei  Erdhühnchen  Ramen  und  ihr:  „Lüch,  lüch,  lüch“  hören  ließen;
sie  waren  so  groß  wie  Stare  und  etwas  dunkler  wie  eine  Lachtaube.

In  Bobenneuhirchen  zeigten  Erdhühnchen  den  Tod  dessen,  dem
sie  erschienen  waren,  an.