Full text : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

68  Freiherr  vom  Stein

hatte  Kaiser  Franz  die  Krone  niedergelegt,  ein  Rheinbund  unter
französischer  Führung  sich  gebildet;  die  Königreiche  Bahern  —  das
endlich  seinen  Lohn  für  alte,  Frankreich  geleistete  Dienste  einheimst
—  Württemberg,  Sachsen,  das  Großherzogtum  Baden  sind  entstan—
den;  auch  Preußen  wird  zu  einem  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit
Frankreich  gezwungen:  damit  schien  ein  neuer  deutscher  Staatenbund
unter  der  Vorherrschaft  des  französischen  Kaisers  entstehen  zu  sollen.
Da  tat  es  not  an  Männern,  die  den  Mut  nicht  sinken  ließen  und  aus
den  Trümmern  retteten,  was  zu  retten  war.  König  Friedrich  Wilhelm
  III.  war  nicht  der  Mann  dazu,  aber  er  war  Patriot  und  einsichtig
  genug,  um  solche  Staatsdiener  zu  finden  und  zu  halten  und
was  ihm  vielleicht  noch  an  diesen  Eigenschaften  abgegangen  ist,  das
ersetzte  reichlich  die  energische,  löwenmutige  Königin.  Und  einer  von
diesen  Männern,  einer  der  ersten  unter  ihnen,  ist  der  Freiherr  vom
Stein  gewesen.

Heinrich  Friedrich  Karl  vom  Stein  ist  am  20.  Oktober  1757  zu
Nassau  geboren  worden,  wo  seine  Familie  —  ein  altes  fränkisches
Geschlecht  —  an  der  Lahn  eine  Burg  besaß.  Der  Vater  war  kurmainzischer
  Geheimrat,  ein  sehr  energischer  Mann;  die  Mutter,  eine
Langwerth  von  Simmern,  wird  als  fromm,  anmutig,  verständig  geschildert.
  Eine  große  Familie  blühte  heran,  Karl  war  der  jüngste
der  vier  Söhne.  Ein  reiches  Geistesleben  durchwehte  die  Familie,
stolz  war  sie  auf  die  Traditionen  ihres  Geschlechts;  seine  Geschichte,
aber  auch  die  Historie  im  allgemeinen  wird  gepflegt.  Karl  bezieht
1773  die  Universität  Göttingen,  studiert  dort  Jura,  Statistik,  Nationalökonomie,
  Geschichte,  tritt  vier  Jahre  später  beim  Reichskammergericht
  in  Wetzlar  ein.  Bald  duldet  es  ihn  aber  nicht  auf  fester
Scholle,  seine  Wanderjahre  beginnen,  die  ihn  durch  ganz  Deutschland
und  OÖsterreich  führen.  Er  lernt  frühzeitig  die  Überlegenheit  der  preußischen
  Amtsführung  kennen;  sein  Wunsch  ist,  unter  Friedrich  II.
Dienste  zu  nehmen.  Es  ist  ein  großer  Ruf,  den  damals  der  alte
Fritz  unter  der  deutschen  Jugend  genießt;  man  versteht  es  noch  nicht,
zwischen  Preußen  und  Österreich  zu  wählen,  aber  man  läßt  seiner
Sympathie  freien  Lauf  und  ist  „fritzisch“.  Im  Jahre  1780  tritt  der
junge  Karl  vom  Stein  beim  preußischen  Berg=  und  Hüttendepartement
  ein,  bei  dem  er  dreizehn  Jahre  verbrachte,  Lehrjahre,  die  seinen
praktischen  Geschäftssinn  ausgebilbet  haben  und,  wie  er  sich  ausdrückt,
  ihn  das  Nichtige  des  toten  Buchstabens  und  der  Papiertätigkeit
  kennen  lernen  ließen.  Auf  Dienstreisen  sah  er  die  Einrichtungen
anderer  Bergwerke.  Er  bewährte  sich  bald  als  sehr  tüchtig,  schon