Volltext : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Gegen  den  Welfen.  511

in  den  vier  gegen  den  Welfen  verbündeten  Fürsten  verkörperte.  Die  alte
Ehrfurcht,  der  alte  deutsche  Gehorsam,  die  alte  Treue  gegen  den  gemeinschaftlichen
  Landesherzog  war  bei  diesem  völlig  verschwunden,  es  trat  dafür
das  Streben  ein,  das  kleine  Ländchen,  über  das  jeder  verfügte,  von  aller
oberen  Gewalt  ganz  frei  und  unabhängig  zu  machen.  So  löste  sich  der
Reichsverband  immer  mehr  auf,  und  es  bildete  sich  jenes  wüste,  ungeordnete
Konglomerat  unabhängiger  kleiner  Fürstentümer,  das  so  bald  das  heilige
Römische  Reich  deutscher  Nation  zu  einem  gestaltslosen  Ungetüm,  zum  Spotte
der  fremden  und  eigenen  Völker  machte.

Heinrich  der  Löwe  selbst  war  nicht  mehr  der  Mann,  der  er  noch  vor  zehn
Jahren  gewesen.  Die  tiefen  Schmerzen,  die  kränkenden  Enttäuschungen  an
Menschen  und  Dingen,  das  Mißtrauen  auf  seine  eigene  Kraft  hatten  seine
Energie  und  Beweglichkeit  bedeutend  geschwächt  und  ihn  früh  altern  lassen.
Zwar  den  ehemaligen  unbeugsamen  Sinn  hatte  er  sich  bewahrt,  in  nichts
wollte  er  seinen  Feinden  nachgeben,  Krieg  bis  auf  das  äußerste  war  sein
Losungswort  —  aber  seine  Beschlüsse  schnell  und  nachdrücklich  auszuführen.
dazu  war  er  schon  nicht  mehr  fähig.  Er  liebte  es  bereits,  die  Kriegszüge  nicht
mehr  selbst  zu  befehligen,  sondern  sie  anderen  aufzutragen  und  während  der
Zeit  in  seiner  Hauptstadt  zu  bleiben.  Während  sein  ehemaliger  kaiserlicher
Freund  sich  durch  Freud  und  Leid  dieselbe  Frische  und  Elastizität  des  Wollens
und  Könnens  bewahrt  hatte,  während  dieser  gerade,  wie  alle  großen  Geister,
im  Unglücke  erst  seine  volle  Kraft  entwickelt  hatte,  war  sie  dem  Welfen,  der
jedenfalls,  wenn  auch  vorn,  im  zweiten  Range  stand,  unter  den  Kümmernissen
  des  letzten  Dezenniums  zum  guten  Teile  zusammengebrochen.  Außerdem
  hatte  die  geringe  Macht,  die  er  noch  besaß,  durch  den  Abfall  des  Ratzeburger
  Grafen  eine  bedeutende  Einbuße  erlitten.  So  kam  es,  daß  die  gegen
ihn  verbündeten  Fürsten  den  Feldzug  mit  großem  Vorteil  eröffnen  konnten.

Nachdem  Herzog  Bernhard  und  sein  Bruder  von  Brandenburg  den  Grafen
Adolf  sicher  in  sein  Land  geführt  hatten,  kehrten  sie  in  ihre  Gebiete  zurück,
jedoch  nicht,  ohne  dem  Holsteiner  und  dem  Ratzeburger  alle  die  Lebensmittel
  zu  überlassen,  die  sie,  auf  länger  dauernde  Kämpse  gefaßt,  mit  sich
geführt  hatten.  Adolf  III.  und  Bernhard  II.  wandten  sich  zuerst  gegen
Lübeck,  das,  auf  der  Grenze  beider  Grafsschaften  gelegen,  beiden  höchst  unbequem
  und  gefährlich  war,  so  lange  es  sich  in  der  Gewalt  Heinrichs  des  Löwen
befand.  Deshalb  lagerte  sich  jeder  der  Grafen  auf  seinem  Gebiete  vor  der
Stadt  und  schloß  sie  mit  zahlreichen  Werken  ein;  nur  der  Travefluß  blieb  frei.
Abersie  fanden  mutigen  Widerstand  an  den  Bürgern  sowohl,  die  ihrem  Wohltäter
  Heinrich  sehr  ergeben  waren,  als  auch  an  der  herzoglichen  Besatzung
und  besonders  dem  Kommandanten  der  Stadt,  Luchard,  dem  Sohne  des
Walter  vom  Berge,  eines  lüneburgischen  Vasallen  des  Herzogs,  einem
tapferen  und  seinem  Lehnsherrn  bis  in  den  Tod  getreuen  Manne.  Die
Lübecker  konnten  sich  um  so  besser  verteidigen,  als  sie  auf  der  Trave  noch  beständig
  Lebensmittel  und  Verstärkungen  herbeizuziehen  und  die  herzoglichen