Volltext : Im alten Reichstag. Band II. (2)

Die  erste  Session  1878.  43

daß  er  die  vortrefflichen  Eigenschaften  des  Ministers,  die  er  vor
dem  Reichstag  nunmehr  noch  weiter  darlegte,  schätzen  gelernt  habe,
und  daß  er  sich  von  einem  solchen  Kollegen  nur  aus  sachlich  zwingenden,
  nicht  aus  persönlichen,  auf  augenblicklichen  Regungen  beruhenden
  Gründen  trennen  würde.  Der  Moment,  den  er  gestern
andeutete,  wo  möglicherweise  die  Wege  sich  trennen
können,  liege  nicht  vor.  Das  von  dem  Finanzminister  verlesene
  Votum  beweise,  daß  man  auch  in  der  Methode  einverstanden
  sei.  Er  habe  gestern  allerdings  durch  das  Mißverständnis,
  daß  der  Finanzminister  seinerseits  eine  Stellung  gegen
die  Angemessenheit  eines  Monopols  nicht  einnahm,  aber  andeutete,
veranlaßt  eine  Erklärung  abgegeben,  aber  er  habe  sich  überzeugt,
daß  zwischen  der  Auffassung,  welche  der  Minister  durch  die  Verlesung
  seines  früheren  Votums  bekundet  habe,  und  seiner  eigenen
ein  Unterschied  nicht  vorhanden  sei  und  daß  deshalb  für  ihn
nicht  der  Moment  einer  Trennung  der  Bahn,  sondern  nur  der  der
Hoffnung  vorliege,  daß  die  beiderseitigen  Wege  vielleicht
noch  weiter  zusammenführen  können,  als  er  vor  Jahren
habe  voraussetzen  können.

Der  stenographische  Bericht  über  die  Sitzung  verzeichnet  nach
der  Rede  des  Fürsten  Bismarck:  es  herrschte  lebhafte  Bewegung
  und  große  Unruhe  im  Hause.

Minister  Camphausen  war  durch  die  anerkennenden  Worte
des  Fürsten  Bismarck  so  gerührt,  daß  er  thatsächlich  Thränen
vergoß.  Ich  erinnere  mich  sonst  nicht  einen  Minister  im  Reichstage
  weinen  gesehen  zu  haben.

Es  sprachen  noch  Frhr.  von  Varnbüler,  Windthorst,  der
Sozialdemokrat  Fritsche  und  Bamberger.

Abg.  Bamberger  spottete  über  das  Verhalten  Camphausens,
welches  ihn  erinnere  an  einen  Propheten,  welcher  den  Frauen  die
gute  Hoffnung  im  Voraus  verkündete,  ob  fie  Knaben  oder  Mädchen
bekommen  würden.  Er  prophezeite  immer  einen  Knaben,  hatte  aber
die  Vorsicht,  ehe  er  aus  dem  Hause  wegging,  auf  die  Rückseite  eines
Spiegels  zu  schreiben:  ein  Mädchen.  Kam  nun  die  Frau  mit  einem
Knaben  nieder,  so  hatte  er  richtig  prophezeit;  war  es  aber  ein
Mädchen,  dann  sagte  er:  sehen  Sie  doch  einmal,  was  ich  hinter
den  Spiegel  geschrieben  habe;  ich  wollte  Sie  nicht  erschrecken;  ich
habe  sehr  gut  gewußt,  daß  es  ein  Mädchen  sein  würde.  (Stürmische
Heiterkeit.)  Ganz  auf  diese  Weise  hätte  der  Minister  Camphausen
operiert.  Er  hat  uns  zuerst  die  gewöhnliche  Tabaksteuer  prophezeit
und  kam  dann  plötzlich  mit  seinem  Brieflein  und  enthüllte  uns,
daß  er  schon  vor  Jahr  und  Tag  für  das  Monopol  entschlossen  gewesen
  sei.  Auf  den  Ausspruch  Camphausens:  Ote-toi  de  là  que
je  m'y  mette  erwiderte  Bamberger,  daß  die  gouvernementalen  Zu-