Metadata : Handbuch des Völkerrechts Erster Band. (1)

366  Peschichtl.  Entwickelung  d.  internat.  Rechts=  u.  Staatsbeziehungen  rc.

Siebentes  Kapitel.

Das  Reformationzzeitalter.

§  80.
Die  Wiedergeburt  der  Künste  und  Wissenschaften.

Literatur:  L.  v.  Ranke,  Deutsche  Geschichte  im  Zeitalter  der  Reformation  (4.  Aufl.
1867)  1,  174ff.  —  Burckhardt,  Die  Cultur  der  Renaissance  (3.  Aufl.  von
Geiger)  1877.  —  H.  Prutz,  Culturgeschichte  der  Kreuzzüge  (1883)  S.  451
—477.  —  Nitzsch,  Geschichte  des  Deutschen  Volkes  III,  398.  —  R.  Stinging,
Geschichte  der  Deuschen  Rechtswissenschaft  (1880)  I,  388—97.  —  F.  Laurent,
Etudes  VIII,  385—404.  —  Lacroix,  Les  Sciences  et  les  lettres  au  mayen
Age  et  à  Tépoque  de  la  renaissance.  Paris  1877.  —  G.  Bovio,  Sommario
della  Storia  del  diritto  in  lialia.  (Napoli  1884)  8.  340  —363.

In  der  Darstellung  der  Weltgeschichte  wird  dem  Untergang  des  Weströmischen
  Kaiserreiches  die  Bedeutung  eines  das  Mittelalter  einleitenden,  Epoche
machenden  Ereignisses  beigemessen.  Man  könnte  versucht  sein  zu  der  Frage,
ob  nicht  auch  dem  Untergange  des  Oströmischen  Kaiserreichs  gleiche  Bedeutung
als  Gränzzeichen  zweier  Hauptabschnitte  in  der  Periodisirung  der  Weltgeschichte
zukomme.

Allein  so  groß  auch  die  Wichtigkeit  veranschlagt  werden  mag,  die  der
Eroberung  von  Constantinopel  durch  die  Türken  (1453)  beigemessen  wird  1)  —
an  der  internationalen  Constellation  der  Weltmächte  und  in  dem  allgemeinen
Gange  der  Culturentwickelung  ist  durch  diesen  Vorgang  in  Europa  nicht  im
Entferntesten  so  viel  verändert  worden  wie  durch  das  Verschwinden  des  Weströmischen
  Kaiserreichs.  Denn  alsbald,  nachdem  sich  der  Islam  durch  die  Einnahme
  von  Constantinopel  endgültig  auch  der  letzten  Zufluchtsstätte  der  Griechischen
  Kaiser  bemächtigt  hatte,  verlor  er  seine  westliche  Position  an  die
Spanische  Krone.  2)  Spielten  die  Türkenkriege  in  dem  Verlaufe  des  XVI.  und
XVII.  Jahrhunderts  auch  eine  höchst  einflußreiche  Rolle  in  den  politischen
Berechnungen  der  Westeuropäischen  Machthaber,  so  streiften  ihre  Nachwirkungen
doch  nur  die  östlich  gelegenen  Staaten  unseres  Welttheils.

Viel  eher  ließe  sich  sagen,  das  Vordringen  der  Türkischen  Eroberung  in
ehemals  rein  christliche  Ländergebiete  habe  dazu  beigetragen,  diejenigen  Ereignisse
  zu  fördern  und  zu  beschleunigen,  deren  Gesammtheit  für  den  ersten  Zeitraum
  der  neueren  Geschichte,  das  heißt  das  Zeitalter  der  Reformation,
maßgebend  geworden  ist  und  für  die  Balkanhalbinsel  völkerschaftliche  Probleme
gestellt  hat,  die  bisher  sich  als  unlösbar  erwiesen.