80 Das Deutschtum in Ubersee
kanern fort. Die protestantische Kirche hat bei dem Ubergang einer
deutschen Gemeinde ins Amerikanertum keinen Abfall von ihrem Glauben
zu beklagen. Für die katholische Kirche bedentet die Amerikanisierung
eines deutschen Katholiken sehr viel leichter den Verlust einer Seele.
Daher die auf den ersten Blick merkwürdige Erscheinung, daß die deutschkatholische
Kirche drüben zur nationalen Mahnerin wird. Aber die
deutsch-katholischen Einwanderer treten ziffernmäßig stark hinter den
protestantischen zurück, entsprechend der bekannten Tatsache, daß die
deutsche protestantische Bevölkerung reger und unternehmungslustiger
ist als die katholische. — Trot der neuen Velebung des deutschen Gedankens
nimmt der Abfall seinen Fortgang. Immer wieder tauchen
die Klagen auf, daß die Verminderung des deutschen Nachschubs die
nationale Widerstandskraft ganzer Gemeinden schwächt, daß selbst in
gebildeten deutschen Familien auf die Erhaltung der Muttersprache
kein besonderes Gewicht gelegt wird, daß das nachwachsende Geschlecht
zum Auschluß an die vorherrschende Nationalität neigt. Ausgesprochen
deutsche Körperschaften verlieren drüben ihr deutsches Gepräge. Kürzlich
hat der Newarker Turnverein „Vorwärts“, ener der ältesten und
angesehensten deutschen Vereine, Englisch als offizielle Sprache in seinen
Geschäftssitzungen eingeführt und gleichzeuig seinen Austritt aus dem
New-Jerseyer deutschen Turnbezirk angemeldet. Der Nachwuchs hat
sich mehr und mehr amerikanisiert. Der Mehrzahl der Mitglieder ist
das Englische zur Umgangssprache geworden. Wer will voranssagen
wie lange dieser Nachwuchs die deutsche Sprache noch in zweiter Linie
sesthält? Gewiß, das sind Erscheinungen vorallem der Großstadt Anderwärts
erweist die Volkstreue sich lebendiger. In Davenport (Staat
Jowa) hat kürzlich ein mäßig begüterter Deutichamerikaner, Heinrich
Köhler, letztwillig seinen Enkelkindern je 1000 Dollars vermacht, zahlbar
mit Zinseszins am 25. Geburtstage, falls sie dann den Nachweis
erbringen, daß sie der deutschen Sprache ebenso mächtig seien wie der
englischen, d.h. fließend Deutsch lesen und schreiben können Aber gerade
dieses Bekenntnis zur Muttersprache ist zugleich ein Wahrzeichen für die
Gefahr, die dort im nationalen Sinne dem deutschen Volkstum droht. Es
behandelt, was dem Fernerstehenden als durchans selbstverständlich, als
völlig natürlich erscheint, daß nämlich der Sproß eines deutschen Hauses
Deutsch spricht und Deutsch schreibt, als etwas, was möglicherweise nicht
eintreten könnte. Wir gewinnen letzten Endes immer wieder den Eindruck
der Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft des Deutschtums in Nordamerika.