358 Bozaxer und Srıeuzer: Französisch und Englisch.
und schiebt daher deren systematischen Betrieb so lange wie möglich hinaus —
soweit sie ihn überhaupt zuläßt. Sie geht vom lebendigen Sprachganzen,
vom zusammenhängenden Texte aus, und will an ihm analytisch-direkt
die Sprache erlernen lassen, indem sie den zusammenhängenden Text so oft lesen
und interpretieren läßt, bis er sich gleichsam unbewußt formell und inhaltlich
dem Gedächtnis zu eigen gegeben hat. Die Lektüre steht daher bei ihr im
Mittelpunkte des Unterrichts. Auf die Aussprache legt sie ein entschiedenes
Gewicht, macht von der Phonetik als Hilfswissenschaft einen zum Teil
weitgehenden Gebrauch und verwendet mit Vorliebe die Transkription und
transkribierte Texte. Das Sprechen pflegt sie ganz besonders und gleich
vom Beginne des Unterrichts an; dagegen verwirft sie das Übersetzen aus
der Muttersprache in die Fremdsprache und läßt oft auch das Übersetzen
aus der Fremdsprache in die Muttersprache nur in bescheidenem Maße
zu; sie möchte sich auch der Fremdsprache ausschließlich als Unterrichtssprache
bedienen und benutzt mit Vorliebe einsprachige Wörterbücher
und Textausgaben der Reformbibliothek. An Stelle der Übersetzung treten
bei ihr auf der Unterstufe die Retroversionen, im weiteren Verlaufe die freie
Erzählung, die freie Arbeit und der freie Vortrag. Die schriftliche
Übung tritt bei ihr gegenüber der mündlichen in den Hintergrund. Sie
pflegt sie nur so weit, als dies gesetzlich unbedingt notwendig ist. Ihr Ziel ist
auf die rein praktische Spracherlernung gerichtet, daher denn auch der
Gegenstand ihrer Lektüre durchaus dem modernen Kulturleben entlehnt ist.
Während die grammatisierende Methode an einer gewissen Stoffleere
leidet, weist die imitative Methode meist eine allzu große Stoffülle auf;
während die grammatisierende Methode allzu ängstlich auf die Form sieht und
darüber den Inhalt vergißt, vernachlässigt die imitative Methode die Form
und damit die Grammatik zugunsten des Inhalts; während die grammatisierende
Methode noch allzusehr in den Banden des klassischen Sprachunterrichts
liegt, kokettiert die imitative Methode nicht selten stark mit dem ehemaligen
Maitretum. Zeigt die grammatisierende Methode ein einheitlicheres Gepräge,
so weist die imitative die ganze Skala des sprachlichen Farbenspektrums auf, Ist
der Unterricht nach der grammatisierenden Methode verhältnismäßig einfach und
unter Umständen auch dem Nichtfachmann bei guter Vorbereitung möglich,
so ist derselbe nach der imitativen Methode derartig vielgestaltig, daß er nur
von einem die Fremdsprache völlig beherrschenden Fachmann mit Erfolg erteilt
werden kann. Kann nach der grammatisierenden Methode der Unterricht von
verschiedenen Lehrern weitergeführt werden, so ist dies nach der imitativen,
wenn nicht überhaupt unmöglich, so doch mit den allergrößten Schwierigkeiten
verbunden. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß die imitative Methode die grammatisierende
an Lebendigkeit weit überragt, um so mehr, als sie alle ihr zu
Gebote stehenden Hilfsmittel, namentlich die Anschauung, in ihren Dienst
zieht, während die grammatisierende Methode meist jedes Hilfsmittel als “Spielerei’
oder als “des Unterrichtes unwürdig’ ablehnt. Die Betonung einer nationalen
Aussprache tritt bei der imitativen Methode entschieden in weit höherem