Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

152  Buch  II.  Kap.  2.

römischen  Mustern  gebaut,  gemeißelt  und  gemalt,  geschrieben.
  und  geverselt  wuxde.  Nirgends  ein  selbstständiges
  Streben,  nirgends  ein  nationaler  Ton  und  Klang.
Latein  war  die  Sprache  der  Kirche,  des  Hofes,  der  Gebildeten
  überhaupt  und  innerhalb  der  Kreise  dieser  lateinischen
  Kultur  gingen  das  griechisch-römische  Heidenthum
  und  das  jüdische  Christenthum  wunderlichste  Verbindungen
  ein.  Von  einer  harmonischen  Gestaltung  des
Lebens  war  nirgends  die  Rede:  die  roheste  Barbarei  stand
unvermittelt  neben  mönchisch-gelehrter  Tiftelei.  Die  sittliche
  Umbildung  der  Germanen  durch  das  Christenthum
hatte  nur  erst  begonnen  und  noch  immer  wirkte  die  Verwilderung
  der  Gemüther  von  der  Völkerwanderungszeit
her  in  allen  Ständen  nach.  Man  lese  nur  die  Schilderungen,
  welche  ein  deutscher  Mönch  des  10.  Jahrhunderts,
  Rather,  nachmals  Bischof  von  Verona,  von
dem  Gebaren  der  Geistlichkeit  in  Italien  entwirft,  und
man  wird  sich  leicht  vorstellen  können,  wie  es  auch  diesseits
der  Alpen  in  diesen  Kreisen,  welche  immerhin  noch  die
gebildetsten  waren,  damals  hergegangen.  Von  Bischöfen
und  Prälaten  sprechend  sagt  er:  „Sie  beschäftigen  sich
beständig  mit  weltlichen  Spielen,  mit  Jagen  und  Vogelstellen.
  Sie  pflegen  nach  deutscher  Sitte  Wurfspieße  zu
schwingen  und  entwöhnen  sich  der  heiligen  Schriften.
Sie  haben  sich  Gottes  entkleidet,  haben  die  Welt  angezogen
  und  scheuen  sich  nicht,  Laienkleider  zu  tragen.  Sie
spielen  Kreisel  und  meiden  auch  das  Würfelspiel  nicht;
sie  gehen  fleißig  mit  dem  Spielbrette  anstatt  mit  der
Schrift,  mit  der  Wurfscheibe  anstatt  mit  dem  Buche  um.