Metadata : Kriegführung und Politik.

286  VIII.  Außenpolitik  und  Stellung  der  Kriegführung  zu  den  Friedensfragen.

Litauen  festsetzte').  Die  O.  H.  L.  hielt  es  für  ihre  Aufgabe,  in  Rücksicht
  auf  die  Sicherheit  Deutschlands  Litauen  vor  der  Vergewaltigung
durch  Polen  zu  schützen.  Diese  mußte,  wie  die  Geschichte  lehrt,  mit
untrüglicher  Sicherheit  eintreten,  wenn  Litauen  nicht  den  Schutz
Deutschlands  genoß.  Leider  wirkte  die  Reichstagsmehrheit  auf  die
schon  an  und  für  sich  nicht  geklärten  Anschauungen  der  Litauer  verwirrend
  ein.  Auch  sie  wurden  geneigt,  die  Verwirklichung  unklarer
demokratischer  Gedanken  für  wichtiger  zu  halten  als  die  Sicherheit
ihres  Landes.  Der  Reichskanzler  hatte  gegen  eine  solche  Politik  der
Reichstagsmehrheit  nichts  einzuwenden.  Er  achtete  nur  darauf,
daß  um  des  Himmels  willen  die  „militaristische“  O.  H.  L.  nicht
„Politik  treibe“.

Des  weiteren  spielte  in  den  Verhandlungen  zwischen  dem
Grafen  Czernin  und  dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes
die  Breite  des  Schutzstreifens,  den  Preußen  von  Polen  erhalten
sollte,  eine  Rolle.  Daß  eine  Vermehrung  der  Zahl  der  polnischen
Untertanen  in  Preußen  Schwierigkeiten  mit  sich  bringen  konnte,
war  gewiß;  noch  größer  aber  mußten  die  Schwierigkeiten  werden,
wenn  ein  starker  polnischer  Staat  entstand.

Durch  eine  von  kraftvollem  Willen  getragene,  großzügige
Siedlungspolitik,  wie  sie  auch  die  Reichskanzlei  im  Jahre  1915
verfolgt  hatte,  und  durch  Austausch  der  Bevölkerung  konnten  nicht
nur  die  Nachteile  der  Angliederung  eines  breiten  Streifens  polnischen
  Gebietes  an  Preußen  gemildert,  sondern  sogar  wesentliche
Vorteile  und  ein  Menschenzuwachs  für  Deutschland  gewonnen
werden.  Hierzu  gehörte  allerdings  eine  andere  Polenpolitik,  als  sie
Preußen  vor  dem  Kriege  getrieben  hatte,  und  ein  Aufgehen  der
Mehrheitsparteien  im  Staatsgedanken.  Man  brauchte  gegen  die
Polen  noch  lange  nicht  so  zu  handeln,  wie  diese  es  jetzt  gegen  die
Deutschen  tun.  Das  preußische  Staatsministerium  wollte  die  Zahl
der  in  Preußen  aufzunehmenden  Polen  möglichst  beschränkt  und
daher  den  Streifen  möglichst  schmal  bemessen  sehen.  Hierfür  wird

*)  Die  augenblickliche  Lage  in  Wilna  ist  ein  Beweis  für  die  Richtigkeit
der  Anschauungen  der  O.  H.  L.  und  die  politische  Kurzsichtigkeit  der  Regierung
und  der  Mehrheitsparteien.