Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  6./15.)  45

(Hört,  hört!)  Sind  wir  es  nicht  unsern  Stammesbrüdern  katholischer
Konfession  schuldig,  sie  vor  der  Polonisierung  zu  bewahren!  Ich  begrüße
es  als  die  Morgenröte  einer  besseren  Zeit,  daß  in  Zentrum  kreisen  sich  die
Ansicht  Bahn  bricht,  die  deutschen  Katholiken  möchten  sich  zusammentun,
um  diesen  Polonisierungs-Bestrebungen  entgegenzutreten.

Abg.  Munckel  (fr.  Vp.)  bekämpft  das  Vorgehen  gegen  Dr.  Arons
(S.  38)  und  sieht  darin  einen  Angriff  auf  die  Lehrfreiheit.  Kultusminister
Studt  bestreitet,  daß  das  Disziplinarverfahren  gegen  die  Freiheit  der
Wissenschaft  verstoße.

Am  9.  März  interpelliert  Abg.  Virchow  (fr.  Vp.)  den  Minister
über  die  Angelegenheit  des  Predigers  Weingart  in  Osnabrück,  der  von  der
Kirchenbehörde  wegen  dogmatischer  Differenzen  seiner  Stellung  entsetzt  ist.
Kultusminister  Studt:  Das  Haus  sei  als  politische  Körperschaft  nicht  befugt,
  über  innerkirchliche  Angelegenheiten  zu  urteilen.  Abg.  Hackenberg
(nl.):  Der  Fall  diene  nicht  der  gesunden  Entwicklung  der  evangelischen
Kirche.  Viele  dunkle  Schatten  sehe  ich  aus  dem  Fall  auftauchen,  am
dunkelsten  den,  daß  das  Gewissen  der  evangelischen  Bevölkerung  verwirrt
wird.  Evangelische  Prediger  sind  Zeugen,  und  evangelische  Prediger  stehen
unter  dem  Satze:  Wir  glauben,  darum  reden  wir.  Etwas  Gutes  wird  aus
dem  Fall  herauskommen:  weite  Kreise  unserer  Kirche  werden  sich  darauf
besinnen,  was  unseres  Glaubens  Wesen  und  was  die  Grundlagen  der  evangelischen
  Kirche  sind.  Unsere  evangelische  Kirche  beruht  auf  zwei  unverrückbaren
  Wahrheiten,  dem  Heilsglauben,  dem  Überzeugtsein,  das  nichts
mit  einem  Fürwahrhalten  zu  tun  hat,  und  dem  Schriftglauben.  Die  gesunde
  Entwicklung  der  evangelischen  Kirche  kann  nur  bestehen  in  der  Stetigkeit
  der  evangelischen  Lehrentwicklung.  Dabei  will  sie  nicht  des  Dienstes
der  freien  Wissenschaft  entraten,  die  sich  in  den  Dienst  der  Kirche  stellt
und  nichts  anderes  kennt,  als  dem  evangelischen  Glauben  die  Wege  zu
bahnen.  Die  evangelische  Kirche  ist  stark  genug,  verschieden  lehrhafte  Ansichten
  der  Theologen  zu  ertragen.  Die  evangelische  Kirche  muß  ihren
Dienern  gestatten,  zu  fragen  und  zu  forschen;  darum  muß  sie  ihnen  auch
gestatten,  zu  irren.  (Sehr  richtig!  links.)  Solche  Lehrprozesse  schaden,
dienen  aber  auch  zur  Weckung  neuen  Lebens.  Die  der  evangelischen  Kirche
übel  wollen,  haben  ihren  Spott  und  schreien  und  drucken,  daß  dieser  Fall
wieder  die  fortschreitende  Selbstzersetzung  des  Protestantismus  zeige.  Den
Spott  lasse  ich  ihnen,  die  Prophezeiung  erkenne  ich  nicht  an.  Wir  betrachten
  es  nach  wie  vor  als  unser  Vorrecht,  im  gläubigen  Gottvertrauen
zu  stehen  und  doch  über  alle  Probleme  nachzudenken,  immer  wieder  nach
der  Wahrheit  zu  suchen,  dieselbe  immer  tiefer  zu  erfassen  und  die  erfaßte
Wahrheit  immer  mehr  uns  anzueignen.  Und  dabei  leuchtet  uns  jenes
Wort  voran:  Ihr  werdet  die  Wahrheit  erkennen,  und  die  Wahrheit  wird
euch  frei  machen.

Am  10.  März  plädiert  Abg.  v.  Heydebrand  (kons.)  für  die  Aufrechthaltung
  des  humanistischen  Gymnasiums.  Ich  halte  mit  einer  großen
Anzahl  meiner  Freunde  mich  dazu  um  so  mehr  verpflichtet,  für  den  humanistischen
  Bildungsgang  einzutreten,  als  manche  Leute  mit  mehr  als  nötiger
Hervorhebung  den  realistischen,  technischen  Untergrund  so  in  den  Vordergrund
  stellen,  daß  es  Zeit  ist,  daran  zu  erinnern,  daß  es  auch  einen  humanistischen
  Bildungsgang  gibt.  Die  Art,  wie  der  altsprachliche  Unterricht
auf  den  Gymnasien  getrieben  wird,  ist  geeignet,  den  Zweck  und  den  Wert
dieses  Unterrichts  zu  gefährden.  Man  muß  anerkennen,  daß  allerdings
Mißstände  im  altsprachlichen  Unterricht  abzustellen  waren,  aber  ich  glaube,
man  ist  über  das  Ziel  hinausgeschossen.  Die  Reformen  von  1892  haben
den  altsprachlichen  Unterricht  nicht  nur  beschränkt,  sondern  auch  eine  andere