Full text: Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

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wer ist der gröszte mann? Lessing Lied. 1, 30. 3) im 
Behauptungssatze, brauchen, nötig haben; ich darf nur 
einen blick nach deinem lager schioken Hoffmanns-= 
waldau bei Steinbach; da sie nur wollen darf 
Wieland Perv. 3, 267; es (das Kind) durfte kaum 
sich regen, war ich erwacht Goethe Faust 1; du 
darfst es nachher nur sagen Geschwister; im ersten fall 
darf ich mich nur den allgemeinen gesetzen der kunst 
unterwerfen Schiller 2, 5; Sie durfen nur befeblen; 
er darf nur winken, so sind wir da u. a. 4) Erlaubnis, 
Recht und Macht haben, seit 16. Ih. als Hauptbedeutung 
empor gekommen; mit Bezug auf Gebot, Nötigung: 
sie wolten jm fleisch bringen, das er wol essen düurfte 
2. Mace. 6,21; hat sich niemand wieder jn setzen durfen 
1I. Macc. 1,4; ich darfs nicht thun, er darf nicht muksen 
Stieler; es will der feind, es darf der freund nicht 
schonen Goethe Tasso 1, 2; er darf noch nicht aus- 
gehen; gefangene durfen mit niemand verkehren; ohne 
folgenden Inf.: er darf nicht ins haus Stieler; das 
mägdlein darf vor der mutter nicht ebd.; wir dursten 
ihm an den kragen CF Meyer Nov. 1, 129; Inf. als 
Subst.: nach mögen und nach durfen frug er im 
eiser nicht Freiligrath 2, 146; mit Bezug auf innere 
Berechtigung oder Macht: du darfst wol trauen Stieler; 
das dürfen Sie mir sicher glauben Kotzebue Kleinst. 
3, 13; bald durfte ich nicht! Lefsing Minna 1,2; wer 
darf ihn vennen? Goethe Faust 1; darf ich wagen. 
ebd.; doch darf ich bitten, bitt ich eins der Sänger; 
darfst du der ehrsucht blutge schuld vermengen mit 
der gerechten nothwehr eines valers? Schiller Tell 
5, 2; seinen beichtiger in keinem andern orte glaubte 
wählen zu dürfen C FMeyer Nov. 2, 171; fragend: 
darf ichs glauben? darf ich mich darauf verlassen?; 
in verneinenden Sätzen: das darf man nicht vergessen 
Steinbach; ich darf gar nicht dran denken; häufend 
heißt es erlaubnis haben, geben zu dürfen statt bloß 
zu gehen; bat ich sie um erlaubnis, sie bei sich sehen 
zu düurfen Goethe Werther II. 5) Möglichkeit, Wahr- 
scheinlichkeit betonend: er darf das wol thon haben, es 
ist muglich er habe es thon Maaler; gewöhnlich durch 
den Conj. Prät. ausgedrückt: halts maul!.. du dörttest. 
sonst greulich pumpes kriegen Simpl. 1, 103; es durfte 
ein leichtes sein, ihn hierher zu bringen Adelung; 
wir durften morgen eingeladen werden; gröszere ent- 
haltsamkeit durfte sich empfehlen, u. a. 6) durfen tritt 
für ein im 17. Ih. absterbendes anderes Verbum durren, 
turren g66 #Luther thar, Plur. thüren) — wagen, sich 
unterstehen, auf: dörfen audere Maaler; wie habt jr 
das thun durfen t. Mof. 45, 15; Plato, welcher im 
tragedien schreiben so weit kommen, das er auch andern 
kampf anbitten dörsfen Opitz Poet. 131; dorfte auch 
meinen herrn nicht fragen Simpl. 1, 109; darfs euch 
nicht sagen 
Durft — dürstig. 
(namentlich die der inneren Berechtigung oder Macht) 
aufgegangen, aber noch, mit mundartlichem Klange: 
wollen wir etwa auch eins miteinander probieren (im 
Ringkampf), wenn du darist? J Gotthelf Uli 164. 
Turft, k. Bedürfnis, Not, Mangel, ahd. duruft, mhd. 
durft, noch im 16. Ih.: der andern geprechen und durft 
Luther Sermon v. d. hochw. Sacram. 1519; später nur 
in notdurkt (l. d.). — dürftig, ahd. durftig, mhd. durftec, 
1) nur in älterer Spr. Bedürfnis habend, mit Gen. der 
Sache: n#ü gip uns unser tegelich bröt unt swes wir 
dar näch durftic sin Rv. Zweter 13, 6; seiner heil- 
wertigen gnaden durftig Luther Ausleg. der Epist. 
.. fürchte euch das herz zu durchbohren! 
Fr Müller 3, 186; in neuerer Spr. in die Bed. 1 
Dürftigkeit — dürr. 644 
a. Heinr. 427): du solt dem durftigen und armen seinen 
lohn nicht vorhalten 5. Mos. 24, 14; ein durktiger 12; 
von Zuständen und Dingen: er ist in durftiger lage, 
in düurftigen umständen; golt hat .. dem durftigen 
glied am meisten ehre gegeben 1. Cor. 12, 24; begann 
seinen durftigen sonntagsstaat zurecht zu machen Keller 
Seldw. 1, 118; uneigentlich, armselig, gering, unzuläng- 
lich: wie wendet jr euch denn umb, wider zu den 
schwachen und durftigen salzungen Gal. 4,9; häufig in 
neuerer Spr.: durktige manier (bei Künstlern), durftiger 
geschmack, durftige austlucht Adelung; ein buch mit 
durftigen gedanken; abverbial: (Ofen) der in der mor- 
schen hutte dem winterfrost nur durftig wehrt Wie- 
land Perv. 1, 103; durftig erhellte kammer CF Meyer 
Nov. 1, 241.— Dürftigkeit, f. dürftiges Wesen: durttig- 
keit, mangel, armut Henisch; trotz der durchscheinen- 
den durstigkeit (der Leute) Keller Seldw. 1, 127; 
durftigkeit der mittel, die dafür zur disposition stehen 
Bismarck Reden 4, 33. 
Dürr, ausgetrocknet, sehr trocken; gemeingerm. Wort, 
goth. baursus, altnord. burr, altsächs. thurri, ahd. durri, 
mhd. durre, welche Form sich uhd. lange fortsetzt (Neben- 
sorm im 16./17. Ih. dörre, z. B. Garg. 94; dörr üleisch 
Simpl. 1, 120); in Verwandtschaft zu dorren und darre. 
woselbst weitere etymologische Nachweise; die ehemalige 
Lautgruppe rs für inneres rr, wie sie in der goth. Wort- 
form steht, ist in durst (s. d.) geblieben. Es steht von der 
Erde, dem Lande ohne Wassergehalt: die durrun erda 
festenoton sine hende Notker Pf. 94, 5;z meine seele 
durstel nach dir wie ein durre land Pf. 143, 6; in der 
durren einöde 5. Mof. 32, 10; (obgleich) die erden hart. 
und dürre ist Luther 6, 2623; durre furchen tränkt 
dein regen Hagedorn 1, 9; auf durrer heide Goethe 
Faust I; ein dürres ackerland Uhland 66; von Ge- 
wachsenem, im Gegensatz zu gran, so vom bolz (Luc. 
23, 31), baum (Hes. 17, 31. halm (Hiob 13, 25), blatt 
Ges.1, 30), stroh (Nah. 1, 10), ähren (1. Mof. 41, 23); 
Aein bundel durres holz Wieland Perv. 1, 152; bis 
ich die durren blätter rauschen hörte Lenau 82; das 
durre laub 104; im Bilde: dann ist die maurerei fur 
Sie ein dürres holz Kotzebue Freim. 6; der Galgen 
hieb das durre holz, der durre ast (du solt sterben am 
durren ast BWaldis Es. 3, 5), und die daran hiengen, 
durre bruder (ebd. 1, 43); von künstlich getrockneten 
Früchten: durres obst, dürre pflaumen, äplel, feigen, 
birnen; er sol weder frische, noch düurre weinbeer essen 
4. Mos. 6, 3; auch von solchem Fleisch: dürrer speck, 
schinken:; dürre lachse, geräucherte, in Oberdeutschland 
auch durres üeisch, geräuchertes (Schmeller); von der 
eit, in der Erde und Früchte dürr sind: wenn ein 
Urre jar kompt Jer. 17, 8; ich plaget euch mit durrer 
zeit Amos 1, 9; ein gar dürrer sumer Aventin 1, 103; 
von Ausdörrendem: es kompt ein durrer wind uber 
dem gebirge her Jer. 4, 11; der tränke gern vor dürrer 
gluth schier scine eigne thränenfluth Lenau 60; von 
Menschen und Tieren, ausgetrocknet von Krankheit: sprach 
zu dem menschen mit der dürren hand Luc. 6, 8; lagen. 
viel kranken. blinden, lamen, durren Joh. 5, 3; durre 
zunge bei der Bräune Henisch; von Alter, Schwäche: 
meine durren sehnen Schiller Ränb. 4, 2; durre todes- 
tinger Len an 81; daneben aber auch nur — sehr mager: 
daz antlutze (eines Mannes) durrc, vlach Iwein 449; 
ein armes, durres mönnlin wie magister Philippus 
Luther Tischr. 82; sint so durr als ein scheit Klagel. 
Jer. 4, 8; sieben durre, seer hesliche und magere bor 
1. Mos. 41, 19; (die Schenkel des Hirsches) zu durr und 
Waldis Es. 1, 36; die durre hand 
1528; auch: zu rufen oder bitten durftig sieb. Buß- riel zu rhan B 
psalm. 1517; später gegen bedurftig abgekommen, doch (eines Bettlers) Lessing Sinnged. 1, 63; durre arme, 
noch bei Goethe liebedurftig Pandora 1. 2) Mangel beine, ein durrer hals; auch von Dingen, Gegensatz zu 
habend, arm: dürftig, blosz, elend, bresthaft, mangelhaft fett: durrer küsz Henisch; übertragen auf geistig oder 
Henisch; er ist dorstig 5. Mos. 24, 15; substantivisch gemütlich Trockenes, Unfruchtbares: durrer glaube, eine 
(mhd. in schwacher Form durktige Almofenempfänger öde durre weltanschauung; wiederholung desselben