Full text: Geschichte des brandenburgisch-preußischen Staates.

Lütticher Angelegenheit. 477 
Wilhelm, seinen lang gehegten Wünschen zu entsagen, um die Sache 
zu einem schnellen Ende zu bringen, und er schloß sich den Forderungen 
seiner Verbündeten an. So erfolgte am 27. Juli 1790 der Reichen- 
bacher Vertrag, in welchem Oesterreich sich verpflichtete, den Türken 
alle Eroberungen herauszugeben; erhalte es bei den Grenzbestimmungen 
eine Vergrößerung, so müsse es dafür an Preußen Entschädigung 
leisten. Es versprach ferner, Rußland keine Unterstützung mehr zu 
gewähren, während Preußen im Verein mit den Seemächten Belgien 
beruhigen wollte. 
Die Rolle, welche Preußen in diesen Angelegenheiten gespielt 
hatte, war scheinbar eine glänzende, im Grunde aber wenig nutzbrin- 
gend. Es hatte an der Spitze eines Bündnisses von England, Polen, 
Holland und Schweden den Fortschritten Oesterreichs Halt geboten 
und diesen alten Gegner, der noch furchtbarer durch seinen Bund 
mit Rußland erschien, an der gehofften Vergrößerung gehindert. 
Dafür aber hatte sich auch die Unzuverlässigkeit seiner Verbündeten 
und somit seiner ganzen Stellung aufs schlimmste gezeigt, und hatten 
die Kriegsrüstungen 10 Millionen verschlungen. Oesterreich hingegen 
hatte trotz seines gezwungenen Zurückweichens große Vortheile von 
diesem Vertrage. Leopold hatte freie Hand gewonnen, und besonders 
nach seiner Kaiserkrönung (im September 1790) beutete er die er- 
langten Vortheile für sich aus. Zunächst trat dies bei der Beruhigung 
der Belgier hervor, die bis dahin außer an Preußen auch an 
England und Holland Rückhalt zu haben meinten. Zwar versprachen 
ihnen diese Amnestie und Gewährleistung ihrer alten Verfassung, 
gaben jedoch schon im October ihre weitere Betheiligung auf und 
überließen das Land seinem Schicksal. Noch zu Ende des Jahres 
1790 rückten von Luxemburg aus, welche Provinz allein bei Oester- 
reich verblieben war, 30,000 Oesterreicher ein, ohne daß vorher — wie 
ursprünglich verabredet war — die Gerechtsame der Niederländer festge- 
stellt worden wären, und unterwarfen das Land ohne Schwertstreich. 
Von nachträglicher Wiederherstellung der alten Freiheiten war natürlich 
dann keine Rede mehr. " 
So gewann Oesterreich durch den Reichenbacher Vertrag Zeit sich 
innerlich zu ordnen und zu kräftigen, und Preußen verlor nicht nur 
die Stellung und den Einfluß, den es durch die Verbindung mit den 
Unzufriedenen gehabt hatte, sondern es zog sich auch den Vorwurf zu, 
daß es diese seine Bundesgenossen im Stiche gelassen habe. Derselbe 
Vorwurf wurde ihm auch in der Lütticher Angelegenheit gemacht. 
Die Lütticher hatten, als in den österreichischen Niederlanden die 
Empörung gegen Kaiser Joseph ausgebrochen war, ebenfalls im 
August 1789 die Waffen ergriffen, um sich die Freiheiten wieder zu 
verschaffen, die ihnen hundert Jahre zuvor genommen waren. Der 
Bischof Constantin Franz willigte scheinbar in ihre Forderungen, ent- 
wich aber gleich darauf nach Trier, und gleichzeitig erging vom Reichs- 
Kammergericht die Androhung von Erecution, wenn die Lütticher sich 
nicht unterwerfen würden. Ihre Verhandlungen mit dem Bischofe