Humanismus und Renaissance. — Der junge Luther 5
gesehen, endlich in den Rat der Stadt berufen. Was dem Vater
da an juridischer Bildung fehlte, sollte der Sohn. frühzeitig erreichen,
Jus studieren. Schon 1497 kam Martin auf die Schule,
zuerst in Mansfeld, dann nach Magdeburg, ein Jahr später nach
Eisenach, wo sich die treffliche Ursula Cotta des darbenden Knaben
mütterlich annahm, endlich 1501 an die mainzische Universität Erfurt.
Als Vorbildung für die Jurisprudenz mußte er zuerst die
humanistischen Fächer betreiben, wurde 1502 Baccalaureus, 1505
Magister artium; nun hätte das Rechtsstudium eigentlich beginnen
sollen, aber da versagte Martin sich dem väterlichen Wunsche. Die
philosophischen, historischen Studien hatten ihn trotz ihrer Mängel
festgehalten, mit jungen Humanisten war er in Berührung gekommen,
hatte den Ruf der Zeit nach Selbstbesserung vernommen.
Frühzeitig beschäftigte er sich mit dem Urgrund der Dinge, dem
Verhältnis des Menschen zu Gott, dem Leben nach dem Tode;
nicht gründlich genug konnte er sich über diese Fragen unterrichten.
Von der Philosophie ging er zur Theologie über; zwei äußere Ereignisse,
der plötzliche Tod eines schwärmerisch geliebten Freundes,
die wunderbare Errettung aus den Schrecken eines furchtbaren Gewitters
mögen ihn noch mehr auf die Vergänglichkeit alles Irdischen,
auf den Wert der ewigen Dinge gewiesen haben; vom Weltlichen ab
wandte er sich zu Höherem und trat 1505 in Erfurt in den Augustinerorden
ein. Mit brennendem Eifer studierte er Theologie, 1507
wurde er zum Priester geweiht. Es entsprach seinem Charakter,
seinem Herzensbedürfnis, mit der größten Genauigkeit alle Vorschriften
der Kirche zu beobachten, in selbstquälerischer Art sich stets
zu prüfen, ob kein noch so leichter Verstoß ihm widerlaufen sei.
Immer mehr vertiefte er sich in die Lehren der Kirche; und da einem
ernst forschenden Gemüte die damaligen Lehrbücher, die verschiedenen
Kommentare, die seelenlosen Vorträge der Lehrer unmöglich
genügen konnten, so griff er an die Urquellen der christlichen Lehre
und ihre bedeutendsten Vertreter. Er las die Bibel immer und
immer wieder; er studierte besonders die Psalmen, die Briefe des
Apostels Paulus und manche Augustinische Schriften. Bei deren
Auslegung setzte er sich bald in Widerspruch mit der Kirchenlehre
und mit seiner bisherigen praktischen Betätigung des Mönchslebens.
Während er anfangs der strengeren Richtung seines Ordens, der
„Observantenpartei“, angehört und die einzelnen Ordensregeln aufs
genaueste befolgt hatte, rückte er schon in seinen Predigten aus den
Jahren 1515/16, noch deutlicher in seinem zur selben Zeit verfaß-