Die Form der Darstellung. 189
Zu den tieferen Gründen, die Erzberger sich gerade Michaelis zum
Angriff heraussuchen ließ, kam dann noch ein oberflächlicher: Michaelis verfügte
und verfügt über einen sehr geringen Fraktionsanhang und jeder Angriff
gegen diesen als „Reaktionär“ geltenden Mann war von vornherein des wütenden
Beifalls der auf die „Reaktion“ dressierten Meute sicher. Der Angriff gegen
Michaelis war also der ungefährlichste und billigste, und Erzberger konnte sich dabei
von vornherein nicht nur auf die Justimmung der eigenen Fraktion, sondern auch
auf die der ganzen Linken verlassen. Tatsächlich stellten sich nicht nur die Mehrund
Minderheitssozialisten, sondern auch der Freisinn (Gothein) sofort rückhaltlos
auf Seite Erzbergers; sogar Hans Delbrück, der Geschichtsprofessor, konnte sich vor
Freude über den Schlag gegen die „Alldeutschen“ nicht zurückhalten und eilte Erzberger
schon am 2y. Juli in einem Aufsatz der Deutschen Allgemeinen Zeitung
(Nr. 356) über den Verständigungsfrieden zu Hilfe.
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Die Anklage Erzbergers beginnt:
„Am 30o. August aber erhielt der Reichskanzler durch den Nuntius ein Schreiben, in dem
ein Angebot Englandö vorlag, dem die französische Regierung sich angeschlossen habe, die
Kaiserliche Regierung möge sich über die Unabhängigkeit Belgiens erklären und Garantien
für politische, wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit des Landes geben. Eine versöhnliche
Antwort werde den guten Fortgang der Friedensunterhandlungen erleichtern. Wir
haben hier den amtlichen Schritt einer neutralen Macht, die durch ihre Organisation und
Ideenwelt wie wenige in der Lage sind, zu beurteilen, wenn ein Friedensschritt Aussicht auf
Erfolg hatte, hervorgegangen nicht aus eigener Initative, sondern um einen ausdrücklichen
Versuch der englischen Regierung mit ausdrücklicher Ermächtigung der franbösischen.“
Jeder unbefangene Hörer und Leser muß aus diesen Worten schließen, England
und Frankreich hätten durch den Vatikan einen Friedensfühler ausstrecken
lassen, mit der Andeutung, wenn Deutschland die politische, wirtschaftliche und militärische
Unabhängigkeit Belgiens verbürge, sei die wesentlichste Friedensforderung
der Entente erfüllt. Was war in Wirklichkeit vorgegangen? Der Papst hatte sich in
seiner Note vom 1. bzw. 15. August 1017 an alle Völker gewandt, sie möchten auf
der Grundlage eben dieser Note Frieden schließen. Offentlich darauf geantwortet
haben nur Amerika und Deutschland. Überhaupt nicht zu antworten wäre ein grobe
und durch nichts gerechtfertigte Ungezogenheit gegen den Papst gewesen. England,
dem sich Frankreich anschloß, ließ durch seinen Vertreter beim Vatikan, den
Grafen Salis, eine mündliche Erklärung abgeben. Kardinalstaatssekretär Gasparri
bat in der Unterredung, den Mittelmächten etwas Schriftliches übermitteln zu
dürfen. Darauf schnitt Graf Salis, wie „Petit Journal“, die Jeitung Pichons,
des Minister des Außern, am ag. Juli 1919 erzählt, den Briefkopf des Briefes
weg, in dem Balfour dem Grafen seine Anweisungen übermittelt hatte, wodurch
der Textteil seines amtlichen Charakters entkleidet wurde, und siellte den Resi dem
Staatssekretär zur Verfügung, der ihn durch den Münchener Nuntius nach Berlin
schickte. Das Schreiben war also nicht einmal eine Note an den Papft, geschweige
denn ein für Deutschland bestimmtes Angebot, sondern lediglich die Unterlage für
einen mündlichen Auftrag an den Papst, der in Wirklichkeit eine glatte Ablehnung
der päpstlichen Friedensvermittlung bedeutete. Er war nicht „ein ausdrücklicher
Versuch der englischen und französischen Regierung“, sondern eine Antwort, und
die Übermittlung an Berlin war hervorgegangen aus der eigenen Initiative des
Kardinals. Es war auch kein „Angebot“, denn das Balfoursche Schriftstück bietet