Contents : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

472  Anhang.

dem  Rücktritte  Waldeck-Rousseaus  wieder  vor  einem  Fragezeichen  stehe,
Oesterreich-Ungarn  in  seiner  ethnographischen  und  politischen  Zerrissenheit
böten  keine  Bilder,  die  uns  das  Gefühl  erwecken  könnten,  als  Nation  oder
als  politische  Macht  hinter  den  anderen  zurückzustehen.  „Ich  muß“,  sagte
nach  der  Aufzeichnung  des  hochstehenden  Gewährsmannes  der  Reichskanzler
  wörtlich,  „es  als  geradezu  grotesk  bezeichnen,  wenn  ein  Deutscher
die  Zustände  seines  Vaterlandes  trostlos  nennen  will.  Es  kann  nicht
Aufgabe  der  nationalen  Presse  sein,  in  unserem  jungen,
kräftig  aufstrebenden  Reiche  einen  greisenhaften  Pessimismus
  künstlich  zu  züchten.“

XI.  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten.

Schreiben  des  Reichskanzlers  an  die  Deutsche  Gesellschaft  zur  Bekämpfung
der  Geschlechtskrankheiten  auf  die  Anzeige  von  der  Konstituierung  der
Gesellschaft.

Berlin,  den  17.  November  1902.

Dem  Vorstande  spreche  ich  für  das  gefällige  Schreiben  vom
27.  Oktober  d.  J.  meinen  ergebensten  Dank  aus.  Bei  der  großen  Verbreitung
  der  Geschlechtskrankheiten  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung,
bei  der  Vielseitigkeit  ihrer  nachteiligen  Folgen  für  die  Gesundheit  des
Einzelnen  und  dem  unheilvollen  Einfluß,  welchen  sie  auf  das  Lebensglück
  der  Familie  und  die  Entwicklung  des  heranwachsenden  Geschlechts
ausüben,  ist  ihre  Bekämpfung  eine  der  ernstesten  und  wichtigsten  Aufgaben
der  Gegemwvart.

Wie  es  ungeteilte  Anerkennung  verdient,  daß  gegen  die  Tuberkulose
und  den  Alkoholmißbrauch  sich  warme  Freunde  des  Volkes  aus  allen
Kreisen  zusammengeschlossen  haben,  so  ist  auch  die  Begründung  einer  besonderen
  Vereinigung  zur  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  mit
vollster  Zustimmung  zu  begrüßen.

Was  staatlicherseits  zur  Förderung  dieser  guten  Sache,  sei  es  im
Wege  der  Gesetzgebung,  sei  es  auf  dem  Gebiete  der  Verwaltung,  wie  insbesondere
  des  medizinischen  Unterrichts  auf  den  Universitäten,  geschehen
kann,  daran  soll  es  nicht  fehlen.  Vor  allem  aber  kommt  es  darauf  an,
daß  die  Bevölkerung  selbst  unter  Führung  ihrer  sittlichen  und  ärztlichen
Berater  sich  der  drohenden  Gefahr  voll  bewußt  wird  und  derselben  aus