Metadata : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

170  Erwin  Nasse.  [170

wird,  desto  leichter  eine  Täuschung  über  den  Bedarf  serner  Märkte  vorkommen
  kann.  Wenn  das  im  Allgemeinen  gewiß  zuzugeben  ist,  so  darf
doch  nicht  unerwähnt  bleiben,  daß  gerade  bei  der  gegenwärtigen  Krifis  in
Deutschland  der  Irrthum  über  die  Entwickelung  fremder  Märkte  eine  sehr
unbedeutende  Rolle  gespielt  hat  und  vor  der  Ueberschätzung  des  eigenen
Markts  ganz  zurückgetreten  ist.  Wenn  wir  zugeben,  daß  internationale
Arbeitstheilung  die  Unregelmäßigkeit  der  Produktion  befördern  kann,  so  ist
andererseits  hervorzuheben,  daß  Produktionskrisen  auch  auf  einem  beschränkten
Markte,  nur  durch  innere  Vorgänge  entstehen  können.

Soll  man  nun  die  internationale  Arbeitstheilung  wegen  der  mit  ihr
verbundenen  unläugbaren  Gefahr  von  Irrthümern  in  der  Schätung  des
fremden  Bedarfs  und  empfindlicher  Absatzstockungen  möglichst  durch  Zollschranken
  eindämmen?

Vor  Allem  wird  man  sich  klar  darüber  sein  müssen,  daß  das  Resultat,
  welches  in  dieser  Richtung  durch  Zollgesetze  erreicht  werden  kann,
ein  verschwindend  kleines  ist.  Die  internationale  Arbeitstheilung  schreitet
unwiderstehlich  fort.  Mit  jedem  Jahre  bedürfen  wir  größerer  Quantitäten
von  Waaren,  die  wir  selbst  in  unserem  Lande  gar  nicht  herstellen  können.
Baumwolle,  Seide,  Jute  und  andere  Rohstoffe  für  die  Textilindustrie,
Kaffee  und  Thee,  Gewürze  und  Reis  als  Nahrungs=  und  Reizmittel  werden
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  in  wachsendem  Maße  konsumirt,  je  mehr
unsere  Volkszahl  zunimmt,  desto  weniger  reichen  die  Produkte  unserer
Landwirthschaft  an  Wolle,  Wein,  Getreide  oder  der  inländische  Bau  auf
Kupfer,  Zinn  ꝛc.  für  dieselbe  aus.  Diesem  ganz  unaufhaltsam  wachsenden
Bedarf  gegenüber  ist  die  Beschränkung  in  der  Einfuhr  von  Fabrikaten,
welche  durch  Schutzzölle  bewirkt  werden  kann,  von  sehr  geringer  Bedentung.
Zur  Bezahlung  aber  des  unter  allen  Umständen  rasch  zunehmenden
Imports  bedürfen  wir  einer  großen,  in  wachsendem  Maße  für  den  Export
arbeitenden  Industrie,  die  daher  auch  immer  mehr  von  fremden  Märkten
abhängig  werden  muß.  Nur  wenn  wir  unsere  Bevölkerung  reduciren  und
zugleich  verhindern  könnten,  ihren  Konsum  mehr  und  mehr  auf  die  genannten
  Produkte  fremder  Länder  zu  richten,  wären  wir  im  Stande,  auch
auf  exportirende  Industriezweige  zu  verzichten.  Das  ist  aber  natürlicher
Weise  ein  Ziel,  das  gar  nicht  in  Frage  kommen  kann.  Im  Gegentheil,
kontinuirlicher  Fortschritt  in  der  internationalen  Arbeitstheilung  spottet  der
kleinen  Hindernisse,  welche  ihm  die  Zollschranken  in  den  Weg  legen.  Für
die  Vereinigten  Staaten  hat  kürzlich  die  hübsche  Arbeit  von  Dr.  James  nachgewiesen,
  wie  die  großen  und  eingreifenden  Veränderungen,  denen  dort  im  Laufe
dieses  Jahrhunderts  der  Zolltarif  periodisch  unterlegen  hat,  auf  die  gesammte
Einfuhr  und  Ausfuhr  keinen  irgend  erheblichen  Einfluß  gehabt  hat.  Die  jähen
Uebergänge  von  schutzzöllnerischem  zu  freihändlerischem  Zollsystem  und  umgekehrt
  haben  die  Zunahme  des  gesammten  Waarenaustausches  der  Vereinigten
  Staaten  mit  der  übrigen  Welt  weder  merklich  gehemmt,  noch  befördert.
  In  Europa  hat  sich  die  gesammte  Ein=  und  Ausfuhr  mancher
Länder  mit  hohen  Schutzzöllen,  z.  B.  Rußlands  in  den  beiden  letzten
Jahrzehnten  viel  mehr  vergrößert  als  die  des  freihändlerischen  Englands.
Auch  die  Vermehrung  des  französischen  Imports  und  Exports  gibt  der
englischen  in  den  letzten  15  Jahren  nur  wenig  nach;  Alles  das  ist  gewiß