Volltext : Die Gründung des Deutschen Ordenstaates in Preußen.

101

Die  Unterlassung  jedes  Bemühens  um  die  Befreiung  des  Bischofs
sprach  es  schon  sogleich  deutlich  genug  aus,  daß  der  Orden  aufgehört
hatte,  sich  als  des  Bischofs  Vasall  zu  betrachten.30)  Aber  er  ging
noch  weit  ernstlicher  zu  Werke.  Es  lebten  im  Kulmischen  zahlreiche
Lehensleute  des  Bischofs  außer  den  Rittern,  welche  nicht  so  schnell
ihres  Eides  vergessen  und  noch  weniger  geneigt  waren,  dem  in  keiner
Weise  berechtigten  Orden  lehenspflichtig  zu  werden.  Duldeten  nun  die
Ritter,  daß  diese  unabhängig  blieben,  sich  gar  um  die  Befreiung  des
Bischofs  bemüheten,  so  waren  sie  ihres  Zieles  wenig  sicher;  in  ihnen
hatten  sie  gefährliche  Feinde.  Sie  kannten  des  Ordens  Lehensverhältniß,
  sie  waren  ihm  also  ein  Vorwurf  vor  sich  selbst,  möglicherweise
ein  Ankläger  vor  Volk  und  Papst.  Das  durfte  nicht  sein,  sie  mußten
unterworfen  werden.  Der  Orden  erklärte  sich  also  öffentlich  zum
Herrn  des  Landes  und  verlangte  von  allen  Lehensleuten,  daß  sie
nunmehr  ihm  den  Eid  der  Treue  leisteten.  Als  aber  Wenige  sich
bereit  fanden,  ihrem  unglücklichen  Herrn  den  Eid  zu  brechen  und  diesem
  anmaßlichen  Erben  zu  gehorchen,  schritt  er  zu  Gewaltmitteln,
nahm  eine  große  Anzahl  gefangen,  behandelte  sie  als  Verbrecher  und
setzte  ihnen  so  lange  mit  grausamen  Strafen  zu,  bis  fie  sich  ihm  ergaben.
  Manche  ergriffen  die  Flucht  und  wollten  lieber  unter  ihren
freien  Stammgenossen  als  Heiden,  denn  unter  solch  einem  He#n  als
Christen  leben.  “#)  Ueberhaupt  sollte  jede  Anhänglichkeit  und  Pietät,

203)  So  laagt  der  Bischof  Christian  selbst  über  den  Orden.  Acta  Bor.  I,  430.

204)  „Baptisatos  neophytos  et  eidem  episcopo  fldelitatis  iuramento
ustrictos,  qui  servare  illud  cupiunt,  nisi  eis  obediant,  diversis  cruciatibus
allligere  non  verentur,  propter  duol  quam  plures  horum  timore  cruciati,
demum  ad  infidelitatis  errorem  redire  sunt  compulei.“  Brief  Gregors  nach
dem  Klageschreiben  Christians  über  des  Ordens  Handlungen  während  seiner  Gefangenschaft.
  Acta  Bor.  I,  130.  Weiter  heißt  es,  mit  Beziehung  auf  den
Leßlauer  Vertrag:  „Ceterum  in  terra  Culmensi,  gLucen  ickem  partim
eleemosynis  principum  catholicorum  ac  aliorum  fidelium  precio  comparavit,
  partim  ex  donatione  nobilis  viri  ducis  Conradi  et  venerabilis  fratris