86 Das Deutschtum in Ubersee
den Pläue der Gründung eigener deutscher Rolonien und des Baues
einer deutschen Floite war die Zeit noch nicht gekommen. Erst die glückliche
nationale Wiedergeburt unseres Vaterlandcs hat für die praktische
Teilnahme der Reichsdeutschen an überseeischen Unternehmungen und
für deren Beurteilung daheim einen gründlichen Wandel eingeleitet.
Freilich die Richtung des reichsdeutschen Auswanderungszuges ist auch
heute noch nicht wesentlich verändert. Noch immer gehen gegen 90 v. H.
unserer Auswanderer nach den Vereinigten Staaten. Allerdings hat die
Zahl selost sich stark verringert. Im letzten Jahrzehnt sind im Jahresdurchschuitt
nur noch gegen 30000 Reichsdeutsche über deutsche und
fremde Häsen nach Ubersee befördert worden. Von sachkundiger Seite,
von der Berliner Zentralstelle für Auswanderer, wird die Ansicht vertreten,
daß der heutige deutsche Zuzug nach den Vereinigten Staaten
überwiegend durch verwandtschaftliche Beziehungen bestimmt sei und
darum fürs erste durch den Hinweis auf andere Ziele nicht wesentlich
abgelenkt werden könne. Die Union nimmt also noch heute den
größten Teil unserer Auswanderer auf, aber nicht auch den nach seinen
Hilfsmitteln wertvollsten. Nach der Union gehen heute vom Reich
aus der Mehrzahl nach Industricarbeiter. Wer als Pflanzer, als Farmer
und Biehzüchter eine neue Stätte der Wirksamkeit sucht, der
wendet sich in unsere eigenen Kokonien oder nach Südamerika, und in
alle Weiten streht eine deutsche Eliteauswanderung, die trotz ihres
ziffernmaßig geringen Umfanges eine deutlich wahrnehmbare Einwirkung
auf die wachsenden Weltbeziehungen des Deutschen Reiches ausübt.
Vereinigte Stacten von Amerifa. Es sind widerspruchsvolle
Empfindungen, die den Deutschen erfassen, wenn er seines Volkstums
in Nordamerika gedenkt. Unzweifelhaft hat auch dort drüben das dentsche
Element rühmlich sich bewährt, hat ein gut Teil beigetragen zu der
stolzen Eutwickelung des großen Gemeinwesens. Man schätzt den deutschen
Zuzug in den Vereinigten Staaten auf ¼/1—1 der europäischen
Gesamteinwanderung. Wären diese Deutschen samt ihren Nachkommen
deutsch geblieben, so müßte man heute 25—30 Millionen Deutscher
drüben zählen. Es ist fraglich, ob nur halb soviel Deutschsprachige dort
leben. Schätzungsweife wird die Ziffer auf 12 Millionen angegeben.
Unter allen Umstunden ist also Nordamerika ein Massengrab deutschen
Volkstums geworden wie kein anderes Gebiet.