Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

226  Th.  Herhta.  (226

nicht  blos  des  logischen  Urtheils,  sondern  des  Erinnerungsvermögens  entäußern.
  Denn  alle  die  Schrecknisse,  die  Sie  den  Engländern  an  die  Wand
malen,  haben  wir  ja  bereits  einmal  erlebt.  Wie  lange  ist  es  denn  her.
daß  Oesterreich  und  die  amerikanische  Union  wieder  Silberstücke  prägen?
Noch  im  laufenden  Jahre  gab  es  eine  Zeit,  wo  nicht  ein  Silberdollar,
nicht  ein  Silbergulden  geschlagen  wurde,  wo  die  französischen,  belgischen.
schweizerischen  Münzstätten  dem  Silber  geschlossen  waren  und  wo  mit
alleiniger  Ausnahme  der  geringfügigen  italienischen  Prägungen  all'  das  in
Wirksamkeit  war,  was  Sie  als  Zwangsmittel  gegen  England  in  Kontribution
setzen  wollen.  Haben  die  Engländer  damals  gezittert!  Haben  sie  Miene
gemacht,  zur  Doppelwährung  überzugehen:?  Was  berechtigt  Sie  zu  der
Annahme,  daß  die  nämliche  Ursache  jetzt  eine  so  grundverschiedene  Wirkung
erzielen  wird?  Doch  richtig,  Frankreich  soll  Silber  auf  den  Markt  werfen!
Und  wäre  das  vielleicht  etwas  Neues?  Hat  nicht  Deutschland  genug  Silber
verkauft,  ohne  England  an  der  Goldwährung  irre  zu  machen?  Oder  besteht
ein  Unterschied  zwischen  deutschem  und  französischem  Silber:?  Und  wieviel
Silber  soll  denn  eigentlich  Frankreich  auf  den  Markt  werfen,  um  die  von
Ihnen  beabsichtigte  Silberpanique  hervorzurufen?  Sie  sprechen  einmal  von
einigen  Millionen  Fünf-Franksstücken,  ohne  zu  bedenken,  wie  komisch  es  ist.
von  einer  Summe,  die  Deutschland  oft  an  einem  Tage  losgeschlagen  hat.
einen  so  riesigen  Effekt  zu  erwarten.  Erst  kürzlich  wurde  aus  London  berichtet,
  daß  die  deutsche  Regierung  an  zwei  Tagen  für  800,000  Pfund
Sterling  Barrensilber  abgab;  das  wären  also  zum  gegenwärtigen  Preise
ungefähr  25  Millionen  Franks  nominal;  ich  habe  nun  den  Kurszettel  zu
Rathe  gezogen,  um  den  Effekt  dieser  Verkaufsordre  auf  den  Londoner
Silbermarkt  zu  eruiren.  Was  ich  zu  entdecken  vermochte,  war  eine  Baisse
um  ½  Pence,  das  ist  nicht  ganz  ¼  Percent.  Also  mit  den  wenigen
Millionen  Stücken  ginge  es  nicht,  damit  erschrecken  Sie  in  London  nicht
den  armseligsten  Jobber,  geschweige  denn  die  ganze  englische  Nation.  Ober
soll  es  die  Methode  der  Verkäufe  sein,  wodurch  Sie  Effekt  machen  wollen?
Es  schwebt  Ihnen  möglicherweise  vor,  daß  geschickte  Börfenleute  häufig
mit  relativ  geringem  Ausgebote  eine  Baisse  zu  erzeugen  vermögen  und
Sie  muthen  also  vielleicht  Frankreich  zu,  ähnliche  Manöver  zu  vollführen.
  Das  ließe  sich  allenfalls  hören;  aber  ich  glaube  doch,  daß
man,  um  bedeutendere  Wirkung  zu  erzielen,  selbst  nach  dieser  Methode
Summen  auf  den  Markt  werfen  müßte,  bei  denen  die  erlittenen  Kursverluste
  für  den  Verkäufer,  also  für  Frankreich,  sehr  bedeutend  in  die  Wagschale
  fielen.  Nehmen  wir  immer  an,  Sie  könnten  mit  den  25  Millionen
Franken,  die  Deutschland  gegen  einen  Abschlag  von  ¼  Percent  los  wurde,
den  Kurs  für  einen  Tag  um  Percent  werfen;  wäre  dieser  Effekt  für
Frankreich  um  den  Preis  jener  ½  Millionen  Franks,  die  es  dabei  verlöre.  —
und  zwar  gerade  in  Ihrem  Sinne  auf  Nimmerwiedersehen  verlöre,  —  nicht
etwas  zu  theuer  erkauft  und  würde  der  Staatsmann,  der  Ihrem  Rathe
folgen  wollte,  schließlich,  wenn  er  glücklich  dahin  gelangt  wäre,  mit  einem
Aufwande  von  unwiederbringlich  verschleuderten  ungezählten  Millionen  den
Silberkurs  auf  35  Pence  per  Standardunze  geworfen  zu  haben,  nicht  dem
Jungen  gleichen,  dem  die  Finger  erfroren  waren  und  der  triumphirend  ausrief:
  „Geschieht  meinem  Vater  schon  recht,  warum  kauft  er  mir  keine  Hand-