Full text : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

100  Aussprache.

die  Bedingungen  alle  zu  erfüllen,  die  wir  heute  schon  für  die  spätere
Jugend  gestellt  haben,  dann  haben  wir  doch  wahrlich  Veranlassung
genug,  nun  einmal  daran  zu  denken,  ob  denn  wirklich,  wenn  wir  jetzt
ein  Gesetz  wünschen,  die  Mittel  vornehmlich  in  dieser  schweren  Kriegszeit
  vorhanden  sind,  es  durchzuführen.  Sie  sind  wahrscheinlich  von
den  Gemeinden  und  vom  Staate  in  der  Weise,  wie  wir  sie  fordern,
nicht  zu  bekommen,  und  da  meine  ich,  haben  wir  alle  Veranlassung,
die  Einrichtungen,  die  schon  da  sind  und  die  viel  zu  wenig  benutzt
werden,  die  als  totes  Kapital  daliegen  —  ich  denke  an  die  vielen
Einrichtungen  der  Vereinigungen,  an  die  Turnhallen  der  Vereine,
an  die  Jugendheime  der  christlichen  Vereine  junger  Männer  usw.,  die
tagsüber  ständig  leer  stehen,  niemals  besucht  werden,  höchstens  in
den  Abendstunden  für  einige  wenige  Stunden  benutzt  werden  —,
diese  Einrichtungen  zu  benutzen.  Ich  meine,  daß  es  doch  angebracht
sei  —  und  das  führt  mich  auch  mit  dem  Hauptreferenten  zusammen  —,
nicht  scharfen  Zwang  auszuüben,  aber  auch  nicht  unbedingte  Freiheit
zu  geben,  sondern  auf  den  Teeee  halben  Zwang  zurückzukommen.
  Das  dürfte  auch  vielleicht  für  den  Staat  und  für  die  Gemeinden
  das  billigere  und  einfachere  Mittel  sein.  Dieser  Punkt  ist
im  Hauptvortrage  heute  berührt  worden  mit  dem  einfachen  Hirweie
darauf,  daß  noch  zu  wenig  Erfahrungen  beständen.  Ich  meine

wenn  man  den  sogenannten  halben  Zwang,  der  also  genügend  Freiber
läßt  und  doch  den  Staatswillen  ausdrückt  und  dem  Einzelnen  einprägt,
  daß  er  verpflichtet  sei,  etwas  an  sich  zu  tun  —  wenn  man  den
einführte,  dann  wäre  doch  wenigstens  schon  etwas  erreicht  und  auf
gute  und  billige  Weise.  Ich  denke  mir  das  so,  daß  der  Staat  seinerseits
  die  Forderung  aufstellt:  ich  verlange  von  dir,  junger  Mann,
daß  du  mit  deinem  18.  oder  19.  oder  20.  Jahre  —  das  kann  ja  beliebig
  geregelt  werden  —  die  Forderungen,  die  ich  an  dich  als
Staatsbürger  in  religiöser,  in  staatlicher,  in  körperlicher  Richtung  zu
stellen  habe,  erfüllst,  und  ich  werde  eine  Einrichtung  schaffen,  in  der
du  mir  nachweist,  inwiefern  du  sie  erfüllt  hast.  Diese  Einrichtung
wird  sich  irgendwie  durch  eine  Prüfungsgelegenheit  oder  eine  Arbeitsgelegenheit,
  die  in  einer  Art  Prüfung  oder  sonstwie  geschaffen  werden
kann,  treffen  lassen,  und  wenn  dann  diese  Ausweisgelegenheit  da  ist,
dann  finden  sich  auch  die  Vereinigungen,  welche  die  Vorbereitungen
übernehmen.  Ich  bin  ganz  anderer  Meinung  als  Herr  Mosterts
und  wünsche,  daß  wir  den  Konkurrenzkampf  auf  den  verschiedenen  Gebieten
  nicht  unterdrücken.  Der  junge  Mann  hat  dann  die  Freiheit,
wenn  jeder  Verein  Gutes  und  Tüchtiges  bietet,  dahin  zu  gehen,  wo
er  das  findet,  was  er  unbedingt  braucht  und  was  ihm  auch  liegt.
Sorgen  wir  nur  dafür,  daß  diese  Stellen  da  sind  und  daß  diese  Vereinigungen
  dem  jungen  Manne  das  gewähren,  was  er  braucht  und
was  ihm  liegt,  dann  wird  von  selbst  die  Vereinigung,  die  das  Beste
und  Allseitigste  gibt,  am  meisten  benutzt  werden;  wir  wollen  diesen
anständigen  Konkurrenzkampf  auf  dem  Gebiete  der  Jugendpflege  gar
nicht  eindämmen  im  Interesse  unserer  Jugend,  besonders  auch  im
Interesse  ihrer  Freiheit.  Und  wenn  wir  die  Verbände  so  in  den
Dienst  der  Jugendpflege  stellen,  dann  glaube  ich,  daß  der  Staat  ein