Full text : Luther Bismarck.

grübeln  noch  sie  verfolgen,  sondern  sie  verachten  wie  das
Schnarren  einer  Gans,  die  bösen  Gedanken,  die  ihm  ein—
fallen,  wieder  ausfallen  lassen  (eine  Lieblingswendung!)
den  Vögeln  der  Sorge  nicht  Nester  in  die  Haare  zu  setzen
verstatten,  sondern  den  Herrn  Jesus  zum  Beistand  nehmen,
den  tapferen  Streiter  und  unüberwundenen  Sieger“.  (19.  Juni,
10.  August  1536.)  Ob  er  an  Brück,  den  kursächsischen
Kanzler  den  herrlichen  Freundesbrief  schreibt  von  den
zwei  Wundern  des  feststehenden  Himmels  und  des  stützenden
tragenden  Regenbogens  oder  an  Brenz,  den  Pfarrherrn
von  Schwäbisch-Hall,  wie  man  Sorgen  bannen  soll,  ob  er
Freund  Zink  in  Nürnberg  wegen  Verlustes  eines  trefflichen
Sohnes  tröstet  (23.  April  1532),  der  „ihm  ein  sehr  lieber
Knabe  gewesen,  weil  er  fein  still,  züchtig  und  im  Studium
sonderlich  fleißig  war  und  den  Diskant  viele  Abende  sang“
—  immer  bleibt  er  der  selbstlose,  sich  und  sein  Leid
vergessende,  nur  für  die  andern  bedachte  Freund.  Ich
schließe  mit  dem  Hinweis  auf  einen  Brief  in  seinen  letzten
Jahren  (1542),  in  dem  er  Justus  Jonas  wegen  des  Hinscheidens
  seiner  Gattin  tröstet  „der  in  Wahrheit  geliebten
Seele,  weil  sie  alle  unsere  Erlebnisse,  gute  wie  schlimme,
ganz  als  ihre  eigenen  aufnahm  und  trug.“  Es  ist  das
Wesen  der  Freundschaft,  daß  sie  glaubt  und  trägt,  hofft
und  duldet,  das  vielleicht  Getane  ebenso  wenig  nachrechnet
als  das  Erlittene  und  im  Vertrauen  nicht  wankt.  Napoleon
  I.  hat  einmal  das  ihm  unfaßliche  und  unübersetzbare
  Wort  „Gemüt“  mit  l'esprit  allemand  gedeutet.
Deutscher  wie  christlich-evangelischer  Geist  hat  Luthers  Haus
so  weit  wie  sein  Herz  erschlossen;  sein  Gemüt  hat  Freundschaft
  gebraucht  und  darum  geleistet.  Bloßes  Geben  des
einen  Teils  erdrücht,  die  zumutende  und  empfangende
Liebe  gleicht  wieder  aus.  Wie  gerne  hat  Luther  sich  dienen
lassen  im  Kleinen  und  Großen!  Seine  Naivität  im  Bitten
blieb  die  gleiche  und  seine  Willigkeit  anzunehmen  rührend.
Goethe  hat  über  sein  Haus  einmal  die  Überschrift  gesetzt:

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