Gegensatz zwischen dem König und Bismarck. 661
ohne besondere Zeugnisse sagen können, daß solche Bedenken ihm nahe gelegen
haben müssen; wir erfahren aber auch ausdrücklich von Stoscht, daß derartige
Gedanken den König und den Kronprinzen während dieser Verhandlungen
stark beunruhigt haben. Auch Jar Alexander II. hat sofort diese Erwägung
angestellt, als er von den preußischen Annexrionsabsichten erfuhr und hat sie
noch im August in höchst eindringlicher Weise bei König Wilhelm zur Geltung
zu bringen versucht. Ihn ängstige die Entthronung ganzer Oynastien, hat er
zu dem preußischen Vertreter General von Manteuffel geäußert:; diese Oynastien
beruhten auf demselben Boden von Gottes Gnaden wie sein und des
Königs Haus. Er erblicke, wenn König Wilhelm hierauf bestände, nicht Stärkung,
sondern Schwächung des monarchischen Prinzips. Sollte König Wilhelm
selbst von dieser Scheu gar nichts empfunden haben? Wir brauchen nur
daran zu denken, mit welcher inneren Abneigung er noch nach vielen Jahren
die Männer betrachtet hat, die ohne Bedenken aus dem Dienst ihrer angestammten
Dynastien in den preußischen übergetreten waren, wie z. B. den
Hannoveraner Bennigsen, um die Stärke seines legitimistischen Gefühls zu
ermessen. Für Bismarck hingegen gab es derartige Bedenken nicht. Er hat es
mehrmals deutlich ausgesprochen, daß er seinem Fürsten unbeding treu sei,
aber für alle übrigen keinerlei Verpflichtung in sich fühle; das monarchische
Prinzip war für ihn ein leeres Wort, insofern es sich dabei um etwas anderes
handelte, als um die Aufrechterhaltung der Machtstellung seines Königs nach
innen und außen.
Dieser Gegensatz der Anschauungen ist so groß und für die vorliegende
Frage so entscheidend, daß man schon aus diesen Erwägungen heraus mit ziemlicher
Sicherheit wird sagen können: Dies und nichts anderes muß der
wesentlichste Differenzpunkt zwischen Wilhelm und Bismarck in bezug auf die
Behandlung der Gegner und den Umfang der Annexionen gewesen sein.
Bestätigt wird diese Vermutung durch einen Brief, den der König an einem
späteren Jeitpunkt, am 14. August 1866, an Bismarck geschrieben hat.“ Die
schon oben erwähnten Vorstellungen des Jaren Alexander hatten ihm damals
einen so skarken Eindruck gemacht, daß er Bismarck vorschlug, noch jetzt von der
1 Stosch, Denkwürdigkeiten S. 104 und 105.
: S. Sybel s, S. 376 f.; Manteuffels Berichte vom 11. August.
2 Die Wichtigkeit dieses Motives hat schon mit Recht Busch 443 f. betont.
4 Vgl. oben S. 659 Anm. r. Der König betont, man solle nach seiner Meinung diesen ersten
Gedanken über Erhaltung der Oynastien in einem kleinen Teil ihrer Länder wieder aufnehmen.
Er führt dann näher aus, in welcher Art er sich die Ausführung des Gedankens denkt; der
König von Hannover soll einen Landstrich um seine Hauptskadt herum bis zur braunschweigischen
Grenze und für später die Anwartschaft auf das ganze Braunschweig mit dem Titel
eines Großherzogs erhalten, der Neffe des Kurfürsten von Hessen soll Großherzog von Fulda
und Hanau werden; der Großherzog von Hessen soll Oberhessen abtreten, außerdem noch