Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

120  Zweites  Buch.  Der  Kampf  um  das  Dasein.

seien  auf  Georg  III.  gerichtet:  von  seiner  Entscheidung  hänge
das  Urteil  von  Gegenwart  und  Zukunft  ab.  Auch  nicht  einen
Zoll  breit  werde  er  abtreten:  beharren  Rußland  und  Frank—
reich  auf  einer  Entschädigung  Sachsens,  solle  sie  ihm  aus  den
geistlichen  Gütern,  insbesondere  nach  des  derzeitigen  Mainzer
Kurfürsten  Tod  durch  Erfurt  gewährt  werden.

Trotzdem  empfand  er  es  als  eine  schmerzliche  Enttäuschung
und  als  eine  Verschlimmerung  seiner  Lage,  als  er  sich  endlich
überzeugen  mußte,  daß  es  doch  einen  neuen  Feldzug  gebe,  und
als  die  Aussicht  auf  die  friedliche  Wendung  endgültig  schwand,
rechnete  er  Prinz  Heinrich  mit  banger  Sorge  vor,  daß  sie
nun  von  Ende  Juli  an  bis  zum  Schluß  des  Feldzuges
noch  ganze  83  schwierige  und  peinvolle  Tage  zu  verbringen
hätten.  Und  dabei  hängte  er  sein  Herz  doch  gleich  wieder  an
ein  ähnliches  Phantom,  indem  er  die  Türken  aufzubieten  be—
müht  blieb.  Freilich  mußte  er  sich  bald  sagen,  daß  der  mit
der  Pforte  endlich  abgeschlossene  Freundschaftsvertrag  nur  eine
„eklatante  Chimäre“  sei,  und  erfahren,  daß  selbst  das  ge—
flissentliche  Lärmen  mit  diesem  angeblichen  Erfolg  auf  seine
Feinde  keinen  Eindruck  machte,  und  der  getreue  Eichel  begriff
nicht,  wie  er  die  Negotiation  zu  Konstantinopel  als  „einziges
Barometer“  ansehen  und  glauben  könne,  „wenn  sie  reüssiere,
werde  er  aus  allem  Embarras  und  dem  Frieden  nahe  sein,
wenn  nicht,  würden  alle  Ressourcen  insüffisant  bleiben“.  Und
dennoch  knüpfte  er  nachher  ähnliche  Hoffnungen  an  die  Verbin—
dung  mit  dem  Tatareuchan,  der  Rußland  anfallen  sollte.

Ist  es  nicht,  als  ob  der  König  in  dem  Ringen  mit
Schwierigkeiten,  die  unüberwindlich  schienen,  und  bei  der  Erschöpfung
  aller  seiner  Mittel  über  außerordentliche  Hilfen  und
ungeahnte  Auswege  grübelnd,  wie  von  einem  Schwindel  erfaßt,
den  Boden  der  Wirklichkeit  unter  den  Füßen  verlor  und  ein
verwegener  Projektenmacher  wurde?  Schwer  litt  er  unter  dem
Widerspruch:  ihn  überkam  verzehrende  Sehnsucht  nach  Ruhe,
stumpfe  Gleichgültigkeit  gegen  das  doch  nicht  zu  beschwörende
Fatum,  und  er  wünschte  das  Ende  dieses  elenden  Daseins  herbei.
  Und  nun  brachte  der  spät  begonnene  Feldzug  nicht  einmal
  die  belebende  Aufregung  der  Schlacht,  in  der  er  den  er-