Bismarcks Empfang bei der öffentlichen Meinung; sein erstes Auftreten 193
neue Ministerium zu nehmen. Als er am 30. September zum
zweiten Male in der Budgetkommission erschien, zeigte er dem
neben ihm sitzenden Abgeordneten von Bockum-Dolffs im Verlauf
der Sitzung einen Olivenzweig, den er aus seiner Brief—
tasche herausgenommen hatte, und bemerkte dabei: „Diesen
Olivenzweig habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der Volkspartei
als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es
noch nicht Zeit dazu ist.“ Versöhnung war zunächst seine
Parole, aber eine Versöhnung, die Preußens Macht nicht
schädige, sondern stärke. Bezeichnend in dieser Richtung
waren die lapidaren Sätze, die damals aus Bismarcks Munde
kamen: „Wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung
für unsern schmalen Leib zu tragen; nur sollen wir sie auch
nützen. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland,
sondern auf seine Macht; Bayern, Württemberg, Baden mögen
dem Liberalismus huldigen, darum wird ihnen doch keiner
Preußens Rolle anweisen; Preußen muß seine Kraft zusammenfassen
und zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der
schon einige Male verpaßt ist; nicht durch Reden und
Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der
Zeit entschieden — das ist der große Fehler von
1848 und 1849 gewesen — sondern durch Eisen
und Blut.“ — Wenn kein Budget zustande komme, dann
sei tabula rasaz die Verfassung biete keinen Ausweg, denn
da stehe Interpretation gegen Interpretation;z summum ius,
summa iniuria, das Recht, auf die höchste Spitze getrieben,
werde zum größten Unrecht; der Buchstabe töte.
Das Wort von Eisen und Blut oder von „Blut und Eisen“,
wie es im geflügelten Worte sich wandelte, wurde nun bald
aus dem versöhnlichen Zusammenhang gerissen und weiter verbreitet,
als habe Bismarck Blut und Eisen über das Recht
gestellt. Was er hat sagen wollen, hat er später selber noch
einmal betont: „Es handelte sich um militärische Fragen und
ich hatte gesagt: Legt eine möglichst starke militärische Kraft,
mit anderen Worten möglichst viel Blut und Eisen in die
Hand des Königs von Preußen, dann wird er die Politik
A. Matthias, Bismarck 13