166 7. „Herrenleben“ am Bundestage in Frankfurt a. M.
weil er darin einen Beweis seines Vertrauens sehen dürfe, und
weil er vielleicht der einzige preußische Diplomat sei, der es
über sich nehmen würde, diese ganze Eröffnung zu Hause und
auch seinem Souverän gegenüber zu verschweigen. Bismarck bat
dringend, der Kaiser möge sich dieser Gedanken entschlagen;
es läge außer aller Möglichkeit für den König Friedrich Wilhelm
IV., auf dergleichen einzugehen; eine ablehnende Antwort
sei unzweifelhaft, wenn ihm die Eröffnung gemacht würde.
Dabei bleibe im letzteren Falle die große Gefahr, daß der König
einem anderen Fürsten gegenüber eine Indiskretion begehe,
welchen Versuchungen er widerstanden habe. Wenn eine andere
deutsche Regierung in die Lage versetzt würde, über dergleichen
Indiskretionen nach Paris zu berichten, so werde das für Preußen
so wertvolle gute Benehmen mit Frankreich gestört werden.
„Mais ce ne serait plus une indiscrétion, ce serait une trahison“,
unterbrach Napoleon Bismarck etwas beunruhigt. „Vous
vous embourberiez — Sie würden Sich in den Kot hineinreiten!“
— fuhr Bismarck fort. Der Kaiser fand diesen Ausdruck
schlagend und anschaulich und wiederholte ihn. Die Unterredung
schloß damit, daß er für diese Offenheit dankte und Bismarck
ihm Schweigen über seine Eröffnung zusagte.
Bismarck hat dann auch Wort gehalten. Tatsächlich enthalten
die amtlichen Berichte nichts von diesem Gespräche.
In Berlin war inzwischen eine Wendung der Dinge eingetreten.
Im Juli 1857 machten sich Anzeichen geistiger Ermüdung
beim Könige bemerkbar, die sich mehr und mehr
verstärkten. Es folgte ein Schlaganfall im Oktober 1857.
Am 49. hatte Bismarck eine längere Unterredung mit dem
Prinzen von Preußen, dessen Regentschaft oder Regierungsantritt
bevorstand. Dieser regte die Frage an, ob er, wenn er
zur Regierung komme, die Verfassung unverändert annehmen
oder zuvor eine Revision fordern solle. Der sonst als heißsporniger
Reaktionär verschriene Junker riet, nicht an die Sache
zu rühren, nicht durch solche Maßnahmen eine Unsicherheit der
staatlichen Zustände zu veranlassen und nicht die Befürchtung
eines Systemwechsels bei jedem Thronwechsel herbeizuführen.