Full text : Sächsische Volkskunde.

Johannes  Walther:  Sprache  und  Volksdichtung  der  Wenden.  341

bemerkt,  daß  er  in  der  Schriftsprache  nie  ohne  Präposition  vorkommt,  wohl
aber  vielfach  im  Volksmunde,  und  zwar  nicht  aus  Bequemlichkeit,  sondern
mit  voller  Empfindung  des  lokativen  Charakters  der  Endungen  je  bez.  i,  u
oder  y.  Schreibt  man  z.  B.  w  rucy  in  der  Hand,  so  hört  man  durchgängig
  nur  rucy,  schreibt  man  w  Drjekdtanach,  so  sagt  jeder  Drjezdanach.
Diese  Weglassung  der  Präposition  beim  Lokativus  ist  indessen  erst  später
eingetreten.  Der  Instrumentalis  oder  Soziativus  mit  der  Endung  -om  in
der  1.,  mit  der  Endung  -#u  in  der  2.  Deklination,  welcher  das  Mittel  bez.
die  Begleitung  ausdrückt,  wird  nie  ohne  Präposition  gebraucht;  z  nokom
mit  dem  Messer;  2e  sotru  in  Begleitung  der  Schwester.  Bemerkenswert  ist,
daß  in  diesem  Soziativ  häufig  das  Prädikatsnomen  steht,  z.  B.  mein  Freund
ist  Lehrer  am  Gymnasium  möj  precel  je  2  wukerjsom  na  gymnasiju.

Den  Nominativ  pluralis  bilden  wie  im  Altslawischen  einige  Wörter  in
kollektivem  Sinne  auf  Ja  neben  der  gewöhnlichen  Form:  z.  B.  bratr  der
Bruder,  bratta  die  Bruderschaft,  die  Brüder  insgesamt,  bratrowje  die
einzelnen  Brüder,  susod  der  Nachbar,  susodka  die  Nachbarschaft,  die
Nachbarn,  susodei  die  einzelnen  Nachbarn,  2id  der  Jude,  Zidka  die  Judenschaft,
  die  Juden  insgesamt,  zidzi  oder  Zidojo  die  einzelnen  Juden.  Der
endungslose  Genetiv  pluralis,  der  im  Altslawischen  gebräuchlich  ist  und  den
reinen  Wortstamm  darstellt,  ist  häufig  in  partitivem  Sinne,  sonst  aber  nur
noch  selten  anzutreffen,  so  z.  B.  strona  die  Seite,  gen.  pl.  stron;  hora  der
Berg,  gen.  pl.  hör;  leto  das  Jahr,  gen.  pl.  Iét.

Zu  der  pronominalen  Deklination  sei  nur  folgendes  bemerkt:  Derselben
folgen,  wie  der  Name  sagt,  die  Pronomina,  ferner  die  Adjektiva  mit  ihren
Komperativen  und  Superlativen,  die  Ordnungszahlen  und  die  Grundzahlen
von  1  bis  4  jedyn,  dwaj,  tii,  styri.  Die  übrigen  Grundzahlen  von  5  —
ßbpjec  —  an  sind  Substantiva  und  eigentlich  Subst.  femin,  generis.  Sie
werden  daher  mit  dem  Genetiv  pluralis  verbunden.  5  Frauen,  griech.:
er##g  yonatsech  —  eine  Fünfheit  von  Frauen  —  sorbisch  pjec  zonow.
Die  Femininität  dieser  Grundzahlen  ist  aber  dem  Sprachgefühl  verloren  gegangen,
  das  Prädikat  wird  neutral  mit  ihnen  verbunden.  Zur  Konjugation
des  Verbums  sei  erwähnt,  daß  man  dieselbe,  wie  im  Griechischen,  auf  2  Grundarten
  zurückführen  kann,  die  eine  mit  Bindevokal,  die  andere  ohne  Bindevokal.
Da  indessen  zur  bindevokallosen  Konjugationsweise  nur  6  Stämme  gehören,
eine  verschwindende  Zahl  gegenüber  der  Masse  der  bindevokalischen,  so  werden
jene  als  irreguläre  Verben  abgesondert  und  die  übrigen  Verben  entweder
nach  Prof.  Pfuhls  Vorgang  in  6  Konjugationen,  nach  der  Endung  des
Infinitivs,  oder  nach  Dr.  Mucke  in  3  Konjugationen  nach  der  2.  pers.  sing.
Praes.  ind.  eingeteilt.

Einfache  Tempora  sind  das  Präsens,  das  Imperfektum  und  der  besonders
bemerkenswerte  Aorist;  die  übrigen  Tempora  werden  teils  durch  Hilfsverben